07.04.12 "Wutbürger des Glaubens"- Gedanken von Kirchenpräsident Dr. Volker Jung zum Osterfest


Da stand es jetzt, schwarz auf weiß: dicker Rahmen und dürre Buchstaben. Eine Todesanzeige, plötzlich und unerwartet, mit Mitte 30. Im Betrieb war er beliebt: Auf ihn konnte man sich verlassen. Im Sportverein war er eine Stütze: Der Halt im Mittelfeld und immer dabei, wenn etwas anzupacken war. Was wird jetzt aus seiner Frau, den beiden Kindern? Der Schock saß tief. Warum bloß er?

„Gott tötet und macht lebendig, er führt hinab zu den Toten und wieder hinauf“, heißt es im diesjährigen Predigttext für den Ostersonntag (1. Samuel Kapitel 2, Vers 6). Das klingt nach einem harten Gott. Ein Gott, der den Tod zulässt. Ein Gott, der Menschen den Schmerz des Verlusts zumutet. Das ist ein Gott, der damit aber auch Verantwortung für das Letzte im Dasein der Menschen übernimmt. Nicht irgendeine Macht oder ein blindes Schicksal greifen nach dem Leben, sondern Gott selbst ist es, der das tut.

Verantwortliche sind gefragt. Mutige, die in der Politik und in den Firmenzentralen Rechenschaft ablegen können. Doch gerne werden Zuständigkeiten weitergereicht und damit weggeschoben. Oft ducken sich Verantwortliche weg, wenn ihr Kopf in Gefahr ist. Wer heute auf die Straße geht und demonstriert, muss manchmal erst einmal danach suchen, an wen er seinen Protest richten muss.

Christinnen und Christen haben eine Adresse für ihren Protest. Obwohl es uns schwer fällt, diesen Gedanken nachzuvollziehen: Weil Gott für den Tod der Menschen einsteht, können sie ihn dafür zur Rechenschaft ziehen. Oft bleibt nur, Gott ein quälendes „Warum?“ entgegenzuhalten oder gar zu schreien. Christinnen und Christen dürfen aber „Wutbürger“ des Glaubens sein. Ihre Protestplakate sind Gebete und Klagen. Sie können sicher sein, dass Gott ihre Verzweiflung hört.

Gottes Antwort auf den Schmerz des Todes ist die Hoffnung auf ein neues Leben. Das stärkste Zeichen ist die Auferstehung Christi. Gott erspart Christus die Schmerzen nicht. Aber er lässt ihn im Tod nicht allein. Aus den Tiefen des Todes führt er ihn zu neuem Leben. Gott zeigt Verantwortung für den Tod und weit darüber hinaus.

Dicker Rahmen und dürre Buchstaben, plötzlich und unerwartet: Für Menschen, die dem Schmerz des Todes begegnet sind, kann das ein großer Trost sein. Die Angst vor dem Tod ist nicht gebannt, aber hinter ihr scheint etwas auf: Es ist die Hoffnung auf ein neues Leben.

Die Auferstehung wird so zum Angebot an alle „Wutbürger“ des Glaubens, sich mit Gott zu versöhnen. Das feiern Christinnen und Christen an Ostern.

 

Der Kirchenpräsident der EKHN,
 Dr. Volker Jung