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08.03.12 Fußball und Religion - Vom heiligen Rasen und der Hand Gottes


Welche Verbindungen gibt es zwischen Fußball und Religion? Hat Fußball eine quasi religiöse Bedeutung? Ist Fußball zum Religionsersatz geworden?  Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Politikwissenschaftler Stefan Hebenstreit aus Gronau-Zell. Zum Auftakt einer Veranstaltungsreihe, in der Heiliges wie Unheiliges thematisiert wird, hielt er in der Gronauer Kirche St. Anna einen Vortrag über Fußball und Religion.

In der Berichterstattung über Fußballspiele häufen sich religiöse Begriffe. Fällt kurz vor Spielende das lang ersehnte Siegtor, spricht der Reporter von der  „Erlösung“. Hat ein Spieler nach langer Verletzungspause ein erfolgreiches Comeback, dann feiert er gleich „die Auferstehung“. Und das Spielfeld im Londoner Wembley-Stadion wird zum “heiligen Rasen“ erklärt. Es gebe in den Medien eine Tendenz, Fußball zu überhöhen, meint Stefan Hebenstreit. Das könne auch Auswirkungen auf Fußball-Fans haben,  die sich ihrerseits kultisch verhalten und ihre Fußballspieler vergöttern.

„Toni, du bist ein Fußball-Gott“, hatte Herbert Zimmerman in seiner  legendären Reportage über das WM-Finale 1954 ausgerufen. Gemeint war der deutsche Torhüter Toni Turek, der einen unhaltbar scheinenden Schuss glänzend abwehrte.  Nach dem 3:2-Sieg der Deutschen über Ungarn wurde das Finale flugs zum „Wunder von Bern“ erklärt und der Begriff „Fußball-Gott“ machte Karriere. In der Folge wurde aus dem fußballerischen Monotheismus ein Polytheismus;  aus dem einen Fußball-Gott sind viele geworden. Jede Saison wird mindestens ein neuer ausgerufen und viele Vereine verehren inzwischen ihren eigenen.

Dazu passt dieser Witz: Johann Cruyff, Pelé und Franz Beckenbauer streiten, wer der beste Fußballer aller Zeiten sei. „Ganz klar, das bin ich“, sagt Johann Cruyff. „Kann gar nicht sein“, meint Pelé, „denn Gott selbst hat mir gesagt, ich sei der beste Fußballer aller Zeiten“. Daraufhin fragt Franz Beckenbauer: „Was soll ich gesagt haben?“

Die quasi religiöse Bedeutung von Fußball sei nicht allein von außen, von den Medien angestoßen worden, betont Stefan Hebenstreit, der als Referent für politische Bildung mit Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten in dem Projekt „Lernort Stadion“ arbeitet. Sein Arbeitsplatz ist die „Arena“ in Frankfurt.  Die Fans selbst hätten Fußball zu einem kultischen Ereignis gemacht. Das werde begünstigt durch die hohe Emotionalität und die Tatsache, dass in den Stadien Massen zusammen kommen.

Die Fan-Szene sei stark vernetzt, es hätten sich soziale Beziehungen herausgebildet. Dadurch sei es zu einer säkularen Gemeindebildung gekommen. Von Fußball-Familie oder Fan-Gemeinde sei die Rede. Die Familien- bzw. Gemeindemitglieder hätten Fußball zu ihrem zentralen Lebensinhalt und aus dem Lebensinhalt einen Kult gemacht.

Als Beispiel führt der Politikwissenschaftler und bekennende Fan von Eintracht Frankfurt das Totengedenken und die Trauerkultur an. „Wenn aus ihren Reihen jemand gestorben ist, gibt es aus den Fan-Kreisen Aufrufe, zum nächsten Heimspiel schwarz gekleidet zu kommen oder die ersten fünf Minuten des Spiels nicht zu singen und keine Fahne zu schwenken. Auch der Stammplatz des Verstorbenen bleibt manchmal leer. Er wird mit der Vereinsfahne oder anderen Fußball-‚Devotionalien‘ geschmückt.“

Mit diesen Trauerritualen geht die Fan-Szene nach Überzeugung von Stefan Hebenstreit auf Distanz zur offiziellen Vereinsführung. Ihre Botschaft: „Wir stehen auch im Leid für einander ein, während die Vereinsbosse nur am maximalen (wirtschaftlichen und sportlichen) Erfolg interessiert sind“. Die Fans, so der Wissenschaftler, hätten ein feines Gespür für Entwicklungen. Sie registrierten auch, dass für diesen Erfolg immer mehr Profi-Fußballer aus aller Welt eingekauft werden. „Spieler kommen, Spieler gehen. Wir bleiben“ lautet ein Slogan der Fan-Gemeinde.

Als 1954 Toni Turek zum Fußball-Gott erklärt wurde,  war die Empörung übrigens noch groß. Der ARD war das so peinlich, dass sie den Ausspruch ihres Reporters bei der Nachbearbeitung herausschneiden ließ. Herbert Zimmermann musste sich öffentlich dafür entschuldigen, dass er den Torhüter in den Himmel gehoben hatte. Doch Gott wurde im Fußball seitdem immer wieder bemüht. Nach dem dramatischen WM-Finale 1966 zwischen England und Deutschland, das durch das umstrittene „Wembley-Tor“ entschieden wurde, titelte die britische Zeitung „Sun“: „God is british!“ Und als Diego Maradona 1986 bei der WM in Mexiko – vom Schiedsrichter nicht geahndet - den Ball regelwidrig mit der Hand ins Tor lenkte, wies der Tor- pardon: Handschütze jede Verantwortung von sich und meinte lapidar: „Das war die Hand Gottes!“


Foto: Stefan Hebenstreit mit einem Fußball, der nicht ganz seine Vereinsfarben hat. Eintracht Frankfurt trägt schwarz-weiß-rot.
Text u. Foto: bet