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03.03.12 "Die langen Schatten des Krieges" - Studientag der Notfallseelsorge


Bei einem gemeinsamen Studientag in Heppenheim befassten sich die Notallseelsorge Bergstraße,  Darmstadt und Odenwald mit den Kriegserfahrungen und ihren bis heute spürbaren Folgen. Dazu referierte die Kölner Journalistin und Buchautorin Sabine Bode, die intensiv über die Kriegskinder und Nachkriegskinder geforscht hat.

Es gebe in Deutschland im Grunde keine Familie, an der die NS-Zeit spurlos vorübergegangen sei. Nur fehle es an Verständnis für die Auswirkungen, betonte Sabine Bode. Die Kriegskinder – darunter fasst sie die Geburtsjahrgänge 1930 bis 1945 – hätten von Krieg allenfalls beiläufig gesprochen und die Erlebnisse von Gewalt und Elend für „normal“ erklärt. Dies habe auch Folgen für die Nachkriegskinder - die Geburtsjahrgänge ab 1946. Kriegserfahrungen werfen nach Überzeugung der Journalistin lange Schatten, die das Leben der Nachkriegsgeneration zum Teil verdunkelt hätten.  „Mein Soldatenvater war mein Trainingscamp“,  zitierte Sabine Bode aus dem Gespräch mit einer Frau, einem Nachkriegskind, „ich habe dadurch gelernt mich gegenüber Männern durchzusetzen, aber ich habe nie gelernt, Männern zu vertrauen.“ In anderen Familien gingen die Nachkriegskinder nicht nur auf Distanz zu ihren Eltern, sondern sie brachen den Kontakt vollständig ab.

Anhand von Einzelfällen zeigte Sabine Bode, wie groß die Sprachlosigkeit  in den Familien gewesen sei.  Die Kriegserfahrungen hätten weiter gewirkt und in vielen Fällen die Familienbeziehungen belastet oder zerstört. „Die Verdrängung funktionierte. Oft erst nach Jahrzehnten seien Kriegstraumata reaktiviert worden. Das kann ein Grund für Alters-Depressionen sein“, meinte die 1947 geborene Journalistin.

Kriegserfahrungen und ihre Folgen für die Nachkriegsgeneration sind auch für die Arbeit der Notfallseelsorge von Bedeutung. „Wer helfen will, sollte sich auskennen“ meinte der Leiter der Notfallseelsorge Darmstadt, Pfarrer Heiko Ruff-Kapraun. Seine Odenwälder Kollegin, Pfarrerin Annette Herrmann-Winter, berichtete von einem Mann, dessen Verhalten nicht mehr als bizarr erscheine, wenn man wisse, dass ihn Kriegs-Traumata belasteten. Die Leiterin der Notfallseelsorge Bergstraße, Pfarrerin Barbara Tarnow, betonte: „Die Recherchen von Sabine Bode können die eigene Wahrnehmung und Sensibilität schärfen – auch und gerade in Notfällen.“

An dem Studientag in der Heppenheimer Christusgemeinde haben insgesamt 40 Notfallseelsorger/innen aus den Bereichen Odenwald, Darmstadt und Bergstraße teilgenommen.

 

Foto: die Teilnehmer/innen des Studientages – in der Mitte (mit rotem Pulli) Sabine Bode mit Barbara Tarnow (links) und (rechts) Annette Herrmann-Winter sowie Heiko Ruff-Kapraun
Text u. Foto: bet