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02.03.12 "Altbacken oder Avantgarde?" - Fachgespräch zum Sonntagsschutz


Bei einem öffentlichen Fachgespräch in Bensheim hat sich die SPD-Fraktion im Kreistag Bergstraße für einen stärkeren Schutz des Sonntags ausgesprochen. Sie will sich zudem für einen Sonntagsschutzbericht einsetzen.  Der engagiert geführten Diskussion ging ein Impulsreferat der Dekanin im Evangelischen Dekanat Bergstraße, Ulrike Scherf,  voraus.

Sie hob hervor, dass es bei der zunehmenden Ökonomisierung des Sonntags für die Menschen viel auf dem Spiel stehe: „Es geht um Ruhe und Besinnung. Es geht darum, eine Zeit freizuhalten, in der spürbar ist: die Würde eines Menschen gründet nicht in seiner Leistungsfähigkeit und wird nicht von ihr her definiert – die Würde eines Menschen ist ein Geschenk, unantastbar. Es geht um die Möglichkeit, Sport zu treiben, mit der Familie Ausflüge zu machen, sich mit Freunden zu treffen, Gemeinschaft erleben zu können, das Geschenk des Lebens zu feiern.“

Der freie Sonntag, so die Bergsträßer Dekanin stehe auch für Familienfreundlichkeit. Es nutze einer Familie nichts, wenn die Kinder am Sonntag frei hätten, der Vater am Montag und die Mutter  am Dienstag. Es gehe zudem um die Gesundheit. „Eine „Sieben-Tage-die-Woche-rund-um-die Uhr-Gesellschaft“  produziert - wie wir inzwischen wissen - massenhaft ein Krankheitssymptom, das landläufig als Burn-out bezeichnet wird! Die Frage, was mit dem Sonntag geschieht, schließt also die Fragen ein: Welche Gesellschaft wollen wir? Wie wollen wir leben? Wie wollen wir unser Zusammenleben gestalten?“

Die Aushöhlung des Sonntagsschutzes sei ein schleichender Prozess. Als Beispiel nannte Dekanin Scherf die Sonntagsbäckereien. Die habe es früher nicht gegeben. Heute aber müssten junge Menschen den Eindruck gewinnen, dass es schon immer so gewesen sei, dass man sonntags frische Brötchen kaufen könne. „Bevor Sie sonntags in ein frisches Brötchen beißen, haben andere dafür gearbeitet!“, betonte die Dekanin, die verkaufsoffene Sonntage ohne nachvollziehbaren Anlass ebenso kritisierte wie die hessische Bedarfsgewerbeverordnung, die in bestimmten Gewerbezweigen weitere Sonntagsarbeit zur Regel gemacht habe.

Ihre Ausführungen wurden mit viel Zustimmung aufgenommen. Auch wenn sich für den Bürgermeister der Gemeinde Lautertal, Jürgen Kaltwasser, die Sonntagsbrötchenfrage gar nicht stellt.  „Wir haben noch nie Sonntagsbrötchen gehabt. Und wenn es welche gäb, wäre ich viel zu faul, welche zu holen!“ In seiner Gemeinde ist die Sonntagswelt halt noch in Ordnung.

Doch der Sonntagschutz sei ein Thema, mit dem sich die SPD intensiv befassen müsse, meinte die Vorsitzende der Kreistagsfraktion, Katrin Hechler, „Wir sollten ernsthaft prüfen, ob tatsächlich so viele verkaufsoffene Sonntage nötig sind“. Franz Beiwinkel vom DGB-Bergstraße sagte: „ Die Angst vor Arbeitsplatzverlust und sozialen Abstieg sei der Grund, warum es keinen Aufschrei gegen die Aushöhlung des Sonntagsschutzes gibt“.  Mit der Abwertung der Arbeit allgemein sei auch der Sonntag abgewertet worden, betonten andere Teilnehmer des Fachgesprächs, bei dem immer wieder beklagt wurde, dass  die beschleunigte, wirtschaftliche Entwicklung die Menschen in eine Tretmühle bringe und sie so unter Druck setze, dass kein Raum für eine Auszeit und einen Ruhetag mehr bleibe.

Die Diskussion verlief lebhaft, aber im Grunde nicht kontrovers. Umstritten war unter den Kreistagsabgeordneten lediglich, ob die SPD mit einem Engagement für den freien Sonntag als „wert-konservativ und rückwärtsgewand“ wahrgenommen werde. Ein Diskussionsteilnehmer widersprach vehement: „Denkt nur an Burn-out. Mit dem Schutz des Sonntags sind wir die Avantgarde!“

Politisch will die SPD-Kreistagsfraktion aktiv werden. Fraktionsvorsitzende Hechler nahm eine Anregung von Dekanin Scherf auf, sich für einen jährlichen Sonntagschutzbericht einzusetzen - entweder  für den Landkreis Bergstraße oder für das Land Hessen. An der  Position der evangelischen Kirche in der Sonntagsfrage sind  auch die Gewerkschaften interessiert. Dekanin Scherf wurde eingeladen, auf der zentralen Kundgebung des DGB-Bergstraße zum 1. Mai in Heppenheim einen Redebeitrag zum Schutz des freien Sonntags zu halten.

 

Foto: Dekanin Ulrike Scherf (Mitte) neben der SPD-Fraktionsvorsitzenden Katrin Hechler (links)
Text u. Foto: bet