28.12.11 "Flagge zeigen bleibt notwendig" - Bilanz und Ausblick des Evangelischen Dekanats


Dass  Christen in den Kirchen Gottesdienste feiern, ist bekannt. Dass sie sich auch auf der Straße zu Wort melden und Flagge zeigen, ist ungewöhnlich, aber notwendig, meinen die beiden Vertreter des Evangelischen Dekanats Bergstraße, Dekanin Ulrike Scherf und Präses Axel Rothermel in ihrem Jahresrückblick 2011.

Am 14. August hatten sich gleich acht evangelische Kirchengemeinden am Tafel-Aktionstag beteiligt. Sie unterstützen damit nicht nur die Rimbacher Tafel, sondern machten auch öffentlich auf Armut und Ausgrenzung aufmerksam. „Wir löffeln die Suppe gemeinsam aus“ lautete zum Beispiel  die vielsagende Aktion in Mörlenbach, an der sich Präses Rothermel beteiligte. „Uns ging und geht nicht bloß um Armenspeisung. Denn wir müssen das gemeinsam auslöffeln, was uns Harz IV eingebrockt hat. Das Wirtschaftswachstum ist an vielen Menschen vorbeigegangen. Das sichtbare Zeichen dafür ist, dass die Tafeln einen ungebrochenen Zulauf haben. Damit dürfen wir uns nicht abfinden“, betont Axel Rothermel.

2012 werden die Harzt-IV-Sätze leicht angehoben.  Alleinstehende erhalten zum Beispiel monatlich 374 Euro – zehn Euro mehr als bislang. „Das reicht für ein menschenwürdiges Leben nicht. Viele werden weiter auf die Tafel angewiesen sein, um sich ausreichend ernähren zu können“, meint der Präses. Er fordert bessere Sozialgesetze gegen Armut und Ausgrenzung. Das will das Evangelische Dekanat auch 2012 gegenüber den politisch Verantwortlichen deutlich machen – unter anderem bei einer Diskussionsrunde mit den Bergsträßer Bundestagsabgeordneten. Dabei soll auch nach gefragt werden, was sich seit der gemeinsam mit den katholischen Dekanaten verabschiedeten „Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung“ bei der Armutsentwicklung und Armutsbekämpfung getan hat.

Mit Unterstützung von Sponsoren wird das das Evangelische Dekanat im neuen Jahr auch  die Aktion  „Ohne Moos was los“ fortsetzen. Damit konnten 2011 insgesamt 14 Kinder und Jugendliche, die aus finanziellen Gründen sonst nicht hätten in Urlaub fahren können, kostenlos an Ferienfreizeiten mit Gleichaltrigen teilnehmen.

Öffentlich Flagge gezeigt hat das Evangelische Dekanat auch für den freien Sonntag. Bei einer Kundgebung vor der Heppenheimer Heilig-Geist-Kirche am 3. März 2011 wurde mit der Beteiligung des Gewerkschaftsbundes, des Sports und der Kreisstadt Heppenheim deutlich, dass der Sonntagsschutz eine Lobby hat, die weit über die Kirche hinausgeht. „Wir haben seitdem von vielen Kommunen und Politikern positive Rückmeldungen bekommen, die unser Engagement für den freien Sonntag unterstützen. Nach der Stadt Heppenheim ist auch Rimbach unserer Allianz für den freien Sonntag beigetreten“, sagte Dekanin Ulrike Scherf. Dass der hessische Landtag mit dem ab 2012 geltenden neuen Landeöffnungsgesetz die verkaufsoffenen Sonntage nicht ausgeweitet hat, wertet sie als Erfolg der Sonntagsschützer. Gleichwohl  appelliert sie an die Kommunen, sonntägliche Ladenöffnungen nur in begründeten Ausnahmefällen zu beantragen. „Das Gesetz spricht von verkaufsoffenen Sonntagen aus besonderen Anlässen. Das sollten die Kommunen wörtlich nehmen und Anlässe nicht wie in der Vergangenheit geschehen frei erfinden“, so die Bergsträßer Dekanin, die im November von Dekanatssynode ohne Gegenstimme für eine weiterte Amtszeit gewählt wurde. 

Nach Überzeugung der Dekanin ist der freie Sonntag nach wie vor gefährdet. „Es gibt Sonntagsarbeit, die gesellschaftlich notwendig ist etwa in den Krankenhäusern, bei den Rettungsdiensten oder der Polizei, Die neu in Kraft getretene hessische Bedarfsgewerbeverordnung legalisiert aber jetzt auch Sonntagsarbeit, deren Notwendigkeit sich mir bei bestem Willen nicht erschließt“. Dazu zähle etwa die Möglichkeit jetzt auch sonntags Bier zu brauen oder Speiseeis herzustellen. „Das alles kann wochentags in ausreichendem Maße geschehen. Dafür muss den betroffenen Beschäftigten nicht der freie Sonntag genommen werden“, kritisiert die Dekanin.

Nicht nur an Sonntagen wird die Evangelische Kirche 2012 Musik machen. „Kirche macht Musik – Musik macht Kirche“ lautet das Motto für das Jahr der Kirchenmusik. Um Kirche und Musik werden sich auch die Sommerbegegnungen im Haus der Kirche drehen. Nach der erfolgreichen Premiere dieser Veranstaltungsreihe 2011 soll es in den hessischen Sommerferien eine Neuauflage geben.

Das Jahr der Kirchenmusik löst das Themenjahr „Taufe und Freiheit“ ab. Dazu hatte das Evangelische Dekanat das bundesweit beachtete Interviewprojekt „Was heißt es für mich, evangelisch zu sein?“ durchgeführt. Die Ausstellung zum Interviewprojekt wird 2012 in verschiedenen Kirchengemeinden zu sehen sein. Derzeit ist sie noch im Heppenheimer Haus der Kirche zu sehen. Zum Abschluss am 25. Januar wird dort Gabriele Wohmann aus ihren Werken lesen und dabei deutlich machen, was es für die aus einer Pfarrersfamilie stammenden Schriftstellerin heißt, evangelisch zu sein?

Die Jugendarbeit wird 2012 vor besonderen Herausforderungen stehen. Zum EKHN-Jugendkirchentag vom 7. bis 10. Juni in Michelstadt werden mehrere tausend Jugendliche erwartet. „Die evangelische Jugend Bergstraße wird maßgeblich den Auftaktgottesdienst vorbereiten. Das zeigt die Wertschätzung der Jugendarbeit in unserem Dekanat“, meint Dekanin Scherf. Weniger erfreulich ist die Lage für das Jugendheim des Dekanats in Scharbach. Ab 2014 entfallen die Zuschüsse der Landeskirche. „Wir wollen alles daran setzen, das Haus mit einer höheren Belegung zu erhalten. Denn Jugendarbeit soll ein Markenzeichen des Dekanats bleiben“, betont Präses Rothermel.

 


Text u. Foto: bet