14.12.11 "Oh Tannenbaum" - Über den Baum wird im Wald entschieden


In den verbleibenden Tage vor Weihnachten ziehen wieder Heerscharen von Menschen los, einen Baum von draußen nach drinnen zu holen.  Was ist Weihnachten auch ohne das Gewächs, das nicht nur zur Sommerzeit, sondern auch im Winter (wenn es denn mal wieder schneit) grün ist.  Der richtige  Baum fürs Fest - ein Erlebnisbericht.

Baum ist nicht gleich Baum. Fachberatung heißt deshalb der neue Trend der Tannenbaumverkäufer.  Zwei Meter fünfzig soll er schon hoch sein. was er mir denn aus fachlicher Sicht empfehlen könne, frage ich meinen Tannenbaumfachberater. Als Experte weiß er Bescheid: die Nordmann-Tanne hält länger und nadelt nicht so schnell wie die Fichte. Dass die Nordmann-Tanne 20 Euro, die Fichte aber nur acht pro Meter kostet, erwähnt der Fachberater nicht, steht ja auch auf dem Preisschild.  Als ob er – fachlich geschult wie er nun mal ist – meine Gedanken lesen könnte, betont er: vom Baumarkt würde ich mir keinen holen. Wer weiß, wo die her kommen und ob die das Weihnachtsfest überstehen.

So ein Weihnachtsbaum ist eine ernste Sache. Ich erinnerte mich an meinen Nachbarn Hans, der - handwerklich begabt - mit seinem kleinen Sohn einen  Tannenbaum selbst bastelte. Nach dem Vorbild des Kinderbuchs über das Weihnachtsfest bei Petterson und seinem Kater Findus hatte er Löcher in eine Stange gebohrt, Tannenzweige hinein gesteckt und sie mit allem möglichen und unmöglichem Klimbim wie eine Fahrradlampe, einen alten Pinsel und Büroklammern behängt. Seine Frau drohte mit Scheidung.  Der Baum kam nicht ins Haus.

Auch Naturverbundene können an der Baumfrage scheitern. Letztes Jahr hatten mein Freund Stefan und ich den Entschluss gefasst: Selbst ist der Mann!!! Mit Axt und Säge zogen wir in den Wald. Der Förster zeigte uns eine Schonung, wo wir uns einen Weihnachtsbaum aussuchen und zuschlagen konnten. Ich schlug so heftig, dass ich mir den Daumen verletzte. Doch was waren die Schmerzen gegenüber dem, was Stefan durchmachen musste. Stolz war er auf seine Tanne gewesen, die etwas ganz besonderes hatte: eine nur leicht gekrümmte Doppel-Spitze. Zu Hause angekommen fand seine Familie die krumme Doppel-Spitze sei der Gipfel an Geschmacklosigkeit. Stefan war ziemlich angesäuert und meinte beleidigt, dann könnten sie sich ja gleich einen Plastikbaum ins Wohnzimmer stellen. Dessen Einfachspitze sei bestimmt 1-A-kerzengerade. Doch seine Mutter hatte irgendwo gelesen, dass die Plastikbäume nur ein saisonales Nebengeschäft  seien und der Hersteller sonst Klobürsten produziere. Der Familienfrieden war akut gefährdet. Ich stellte deshalb meinen mit Blut, Schweiß und Tränen eroberten Baum zur Verfügung und übernahm Stefans Baum mit der Doppelspitze.  Es war schließlich bald Weihnachten.

Auch wenn sich Maria und Josef wohl sehr gewundert hätten, wenn die Hirten eine Fichte im Stall aufgestellt oder die drei Sterndeuter eine Nordmann-Tanne im Schlepptau gehabt hätten, in  diesem Jahr wollen wir es wissen: wir ziehen erneut los mit Axt und Säge. Denn über unseren Baum entscheiden kein Fachberater und kein Billig-Preis im Baumarkt. Über den Baum wird im Wald entschieden! Diesmal nimmt  Stefan zur Sicherheit ein Foto-Handy mit. Bevor er die Axt anlegt, will er ein Bild seines Weihnachtsbaums nach Hause schicken und das familiäre Einverständnis einholen. Sicher ist sicher!

 

Text u. Foto: bet