27.11.11 Freiheit gestalten, Freiheit leben - Vortrag des Kirchenpräsidenten beim Empfang zum neuen Kirchenjahr


Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Dr. Volker Jung, hat dazu aufgerufen, die Freiheit, zu der Christen berufen seien, aktiv zu gestalten und zu leben. Rechtsradikale Gewalt sei eine Bedrohung der Freiheit, betonte Jung vor rund 270 Gästen beim gemeinsamen Empfang zum neuen Kirchenjahr der beiden evangelischen Dekanate Bergstraße und Ried in Heppenheim. Wörtlich sagte der Kirchenpräsident: „ Wir sind gefordert, alles dafür zu tun, menschenverachtenden Rechtsextremismus in unseren Dekanaten und Gemeinde nicht zuzulassen“.

Zugleich sprach er sich dafür aus, die Menschen solidarisch zu unterstützen, die in Nordafrika und dem Nahen Osten um ihre Freiheit kämpfen. Europa vor Flüchtlingen abzuschotten und zu einer Festung zu machen, habe dagegen mit der Freiheit, für die die Kirche eintrete, nichts zu tun.  Freiheit bedeute auch die Begegnung und den Dialog mit Menschen anderer Religion und Konfession. In der Ökumene sei  ungewöhnlich viel geschehen, dennoch sei er vom Besuch des Papsts in Deutschland  enttäuscht. Der Papst habe es versäumt, den Auftrag zur Ökumene an die nächste Generation weiterzugeben. Jung sprach sich dafür aus, in der Ökumene nicht nachzulassen und weiter aufeinander zuzugehen.

Mit Blick auf den Sonntags- und Feiertagsschutz fragte Kirchenpräsident Jung:  „Haben wir noch die Freiheit, uns den Sonntag zu gönnen oder stehen wir unter ökonomischen Zwang, der uns unfrei macht?“ Er plädierte für die Freiheit zur Ruhe.

„Die Freiheit, den eigenen Glauben auszuleben“ und die „ Freiheit, zweifeln zu dürfen“ -  diese beiden Passagen aus Interviews, die das Dekanat Bergstraße für das Projekt „Was heißt es für mich, evangelisch zu sein?“ geführt hatte, zitierte Dr. Jung als Beispiel dafür, dass Christen nicht auf Dogmen fixiert sein sollten. „Jeder sollte sich selbst ein Urteil bilden können. Was wir glauben, formulieren wir im Hören auf die Bibel, die kein Gesetzbuch ist.“ Die Plakatausstellung zum Interviewprojekt war während des Empfangs im Foyer des Traditionsgasthauses „Halber Mond“ in Heppenheim zu sehen. Jung erinnerte daran, dass im Jahr 1847 in diesem Gasthaus Menschen bespitzelt wurden, weil sie sich dort Gedanken über Freiheit und Demokratie machten. Die Heppenheimer Tagung gilt als Wegbereiter des ersten deutschen Parlaments, das ein Jahr später in der Frankfurter Paulskirche tagte.

Um Freiheit und Verantwortung ging es auch bei einer Talkrunde, die der Präses des Evangelischen Dekanats Bergstraße, Axel Rothermel moderierte.  Der Bürgermeister der Stadt Heppenheim, Rainer Burelbach, versicherte, die verkaufsoffenen Sonntage nicht auszuweiten. Der 1. Beigeordnete des Kreises Bergstraße Thomas Metz betonte, dass die Kirche als „Sinnstifter“ immer wichtiger werde. Pfarrer Dietmar Heeg, der für die katholische Kirche bei privaten TV-Sendern tätig ist, plädierte für die Freiheit, das Evangelium auch in Talk-Shows zu verkünden. „Wenn Jesus heute leben würde, wäre er dort Gast“, meinte der Fernsehpfarrer.

 

Musikalisch stand der Empfang ganz im Zeichen des Jahres der Kirchenmusik 2012. Neben dem Posaunenchor Schlierbach hatte sich mit dem Chor der Chorleiterinnen und -leiter beider Dekanate ein ebenso ungewöhnliches wie hochkarätiges Ensemble zusammengetan. Sie sangen unter anderem das von Pfarrerin Dr. Vera-Sabine Winkler aus Gorxheimertal getextete Lied „ein großer klang“,  das die EKHN zum Mottolied für das Jahr der Kirchenmusik ausgewählt hatte „Singen macht stark, schön, gesund und klug“, bemerkte Propsteikantor Konja Voll und erinnerte daran, dass allein in der EKHN 40.000 Menschen in 4.500 musikalischen Gruppen aktiv seien.

 

Die Jahrslosung für 2012 "Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig" kritisierte Pröpstin Karin Held als eine ungenaue Übersetzung Luthers aus dem 2. Korintherbreif des Paulus. Es müsse vielmehr heißen: „Die Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit“. Im Kontext des Korinther-Briefes werde deutlich, dass Paulus keine bestimmte Personengruppe meine, sondern Menschen, die in ihrer Schwachheit oder Kraftlosigkeit auf Gottes Gnade vertrauen sollten. Aber eine andere Übersetzung und ein  entsprechend längeres Zitat hätten wohl auf kein Windlicht, keine Kerze und keine Samentüte gepasst, beklagte Pröpstin Held die zunehmende Vermarktung der Jahrslosung.

 

 

 

 

Foto oben von links n. rechts:
Paul Ewald (Präses Dek. Ried), Pröpstin Karin Held, Kirchenpräsident Dr. Volker Jung, Dekanin Ulrike Scherf (Dek. Bergstraße), Axel Rothermel (Präses Dek. Bergstraße), Dekan Karl Hans Geil (Dek. Ried).
2.Foto: Kirchenpräsident Jung
3. Foto: Talkrunde von links n. rechts: Rainer Burelbach, Axel Rothermel, Thomas Metz, Dietmar Heeg
4. Foto: Propsteikantor Konja Voll
5. Foto: Pröpstin Karin Held
6. Foto: Chor der ChorleiterINNEN
Foto unten:. 270 Gäste beim Empfang

 

 

 

 

 

 

 

 

Text u. Fotos: bet