09.11.11 "Kinder waren die vergessenen Angehörigen" - Hilfen aus einer Hand für Familien von psychisch Kranken


Anfragen aus ganz Deutschland zeigen, wie notwendig Hilfen für psychisch kranke Eltern und die gleichzeitige Unterstützung ihrer Kinder sind. Dieses Resümee zog das Diakonische Werk Bergstraße bei einem Pressegespräch im Heppenheimer Haus der Kirche vier Jahre nach Start des Projektes „Betreutes Wohnen für Familien – Hilfen aus einer Hand". Es war kürzlich von den hessischen Diakonieverbänden bei der Verleihung des Elisabeth-Preises mit einem Sonderpreis von 1.000 Euro ausgezeichnet worden.

In dem Bergsträßer Modellprojekt können psychisch kranke Mütter oder Väter mit ihren Kindern zusammen wohnen bleiben. Für das Projekt werden seit 2007 drei Familienwohnungen in Rimbach genutzt. Den Kindern bleibt dadurch nicht nur ein Heimaufenthalt erspart. Sie werden auch gefördert und unterstützt. Denn die betroffenen Kinder sind nach Angaben des Diakonischen Werks oft verängstigt, weil sie das krankheitsbedingte Verhalten der Eltern nicht verstehen und einordnen können. „Kinder von psychisch Kranken waren lange die vergessenen Angehörigen“, sagt die stellvertretende Leiterin des Diakonischen Werks Bergstraße, Ursula Thiels. Ein Jugendlicher habe ihr berichtetet, dass die Unterbringung seiner Mutter in einer psychiatrischen Klinik das Ende seiner Kindheit gewesen sei. Kinder von psychisch Kranken Eltern sind kein Randproblem in der Gesellschaft. „Jedes 30. Kind ist betroffen. Bundesweit sind es derzeit rund 500.000. Die Tendenz ist weiter steigend“, stellte die Leiterin des Diakonischen Werks Bergstraße, Brigitte Walz-Kelbel fest.  

Die hessischen Diakonieverbände hatten bei der Verleihung des Elisabeth-Preises betont, dass das Bergsträßer Projekt nachahmenswert sei. In Hessen ist es bislang noch einmalig. Als mögliche Ursache gelten die unterschiedlichen Verantwortungsbereiche, um  „Hilfen aus einer Hand“ umzusetzen. Für Eingliederungshilfen von psychisch Kranken ist der Landeswohlfahrtsverband zuständig, für die Unterstützung der Kinder aber das Jugendamt des Landkreises. Im Kreis Bergstraße sei es gelungen, beide Bereiche miteinander zu verknüpfen und dadurch soziale Hilfen wirksamer und nachhaltiger zu gestalten, sagte Landrat Matthias Wilkes und betonte: „Das Projekt ist visionär und passt zur Bedarfslage der Betroffenen“.

Seit 2007  haben 30 Familien das Angebot „Betreutes Wohnen“ in Anspruch genommen. Aktuell werden 16 Familien unterstützt. Neben der Betreuung in den mit Fördergeldern der  Destag-Stiftung, der Stiftung Orbishöhe, der Aktion Mensch und Eigenmitteln des Diakonischen Werks gekauften Häusern in Rimbach werden Familien von psychisch Kranken auch häuslich in ihrer eigenen Wohnung betreut.

Das Preisgeld in Höhe von 1.000 Euro will das Diakonische Werk für einen Fachtag zur Weiterqualifizierung verwenden. Denn die Fachkräfte seien ihrer Arbeit mit psychisch Erkrankten auf neue und nicht vorhersehbare Probleme gestoßen. So habe sich zum Beispiel herausgestellt, dass die psychische Erkrankung von Müttern  oft in Verbindung steht mit sexuellem Missbrauch.

 

Foto von links n. rechts: Landrat Matthias Wilkes, Brigitte Walz-Kelbel (Diakonisches Werk) Ute Schneider-Jaksch (Jugendamtsleiterin), Anke Frischmuth (stellvertr. Jugendamtsleiterin) Ursula Thiels (Diakonisches Werk)
Text u. Foto: bet