03.08.11 Armut: Herausforderung für Wirtschaft und Kirche - Diskussionsrunde im Haus der Kirche


Was können Unternehmen gegen Armut tun? Diese Frage diskutierten der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Darmstadt (IHK), Dr. Uwe Vetterlein und der Sozialreferent des Diakonischen Werks in Hessen und Nassau (DW), Dr. Alexander Dietz im Heppenheimer Haus der Kirche. Für Zündstoff war gesorgt. Bereits bei der Bewertung der Armutsentwicklung lieferten sich beide Referenten eine Kontroverse.

Prekäre, ungesicherte und schlecht bezahlte Arbeitsplätze sind nach Auffassung von DW-Referent Dietz ein wesentlicher Grund für die Zunahme von Armut. Von den 6,7 Millionen Hartz-IV-Empfänger seien zum Beispiel 1,4 Millionen erwerbstätig. „Es sind Menschen, die arbeiten, aber so schlecht bezahlt werden dass sie von ihrer Hände Arbeit nicht leben können und auf staatliche Hilfe angewiesen sind“, betonte Dietz.  Die Zahl dieser so genannten „Aufstocker“ habe rasant zugenommen und die Tendenz sei weiter steigend.

Für IHK-Hauptgeschäftsführer Vetterlein dagegen hat Armut nicht zugenommen, weil die Arbeitslosigkeit deutlich zurückgegangen sei. „Seit 2005 haben wir zwei Millionen Arbeitsplätze mehr. Das ist ein Wert an sich“, so Vetterlein. Er räumte zwar ein, dass darunter 800.000 geringfügig Beschäftigte seien, betonte aber, dass diese Arbeitsplätze besser seien als Arbeitslosigkeit.

Viele Unternehmen sind nach Angaben von Vetterlein dazu übergegangen, junge Menschen so zu fördern, dass sie „ausbildungsfähig“ werden. Demgegenüber forderte Alexander Dietz vom Diakonischen Werk, auch denjenigen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, die nicht „aktivierbar“ seien und aus physischen oder psychischen Gründen nicht entsprechende Arbeitsleistungen erbringen könnten. Das kann aus Sicht von IHK-Geschäftsführer Vetterlein keine Aufgabe der Wirtschaft sein. Unternehmen, die im Wettbewerb stünden, könnten keine Menschen einstellen, die nicht in der Lage seien, die geforderten Leistungen zu erbringen.

Aus Reihen der Zuhörerinnen und Zuhörer wurden kritisiert, das Leiharbeiter  schlecht entlohnt würden, die Anforderungen gegenüber jungen Menschen, die sich oft vergeblich um einen Ausbildungsplatz bewerben, zu hoch seien oder  Praktikanten ohne Bezahlung Personalengpässe überbrücken müssten.

Vetterlein meinte, dass sich die Probleme bei der Ausbildung von allein lösen würden, weil es künftig weniger Schulabgänger gebe. Er sprach sich zudem gegen unbezahlte Praktika und gegen Ein-Euro-Jobs aus. Nach seiner Auffassung sollten „ehrbare Kaufleute“ auch in Krisenzeiten Mitarbeiter behalten und mehr für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf tun. Die Löhne müssten sich aber an der Arbeitsproduktivität orientieren. Er verteidigte die Billig-Löhne, weil die Alternative zu diesen Beschäftigungsverhältnissen Arbeitslosigkeit sei.

Nach Überzeugung des Sozialreferenten des Diakonischen Werks, Dietz, könnte Armut wirksamer bekämpft werden, wenn gesetzliche Rahmenbedingungen, insbesondere die Steuergesetzgebung geändert werden.  Aktuell werde das Problem verschärft Förderprojekte, die Jugendliche in ein Arbeitsverhältnis bringen sollen, würden derzeit gekürzt oder ganz gestrichen, kritisierte Dietz.

 

Foto links Dr. Alexander Dietz (DWHN), rechts: Dr. Uwe Vetterlein (IHK)
Text und Foto: bet