24.05.11 "The answer is blowing in the wind!" - Happy Birthday Mr. Dylan


Und jetzt alle mitsingen: “... the answer my friend is blowing in the wind. The answer is blowing in the wind.“ Auf ungezählten Gemeindefesten, Konfi-Freizeiten oder Lagerfeuertreffen christlicher Pfadfinder ist dieses Lied gesungen, gesummt oder geschmettert worden. Der Autor, Bob Dylan, feiert heute seinen 70. Geburtstag. Wir gratulieren!

Den einen gilt er wegen seiner nasalen, manchmal etwas lustlos wirkenden Stimme als „Nölbacke“; andere verehren ihn als „bobfather“, weil er den größten Einfluss auf ganze Musikergenerationen der Pop- und Rockgeschichte ausgeübt hat. Wie kann man sich einem Künstler nähern, der seit 50 Jahren auf der Bühne steht, der 450 Songs geschrieben, 34 Studioalben produziert und 13 Livealben veröffentlicht hat?

Bob Dylan ist schwer zu fassen – im Vergleich zu ihm gleicht ein Aal einem Reibeisen. Er ist der Musiker mit den vielen Gesichtern, der immer wieder mit Erwartungen bricht, die in ihn gesetzt werden. Zwei Beispiele: 1966 tritt Dylan bei einem Konzert in Manchester mit einer Band auf, die dabei die reine Lehre der Folk-Musik einfach ignoriert und zur elektrisch verstärkten Gitarre greift. Das Publikum wittert Verrat. Einem Konzertbesucher platzt der Kragen, er schreit unter johlendem Beifall der Menge: „Judas!“ Dylan ist kurz konsterniert und antwortet dann: „I don`t believe, you liar“. (Ich glaube Dir nicht, Du Lügner!) Er dreht sich zu seiner Band um und forderte sie auf: „play fucking loud!" (Spielt verdammt laut!) Und sie ließen es mit „Like a rolling stone“ richtig krachen - nachzuhören auf dem legendären Album „Bob Dylan Live 1966“. Zweites Bespiel: 1978 gibt Bob Dylan sein erstes Konzert in Deutschland. Es gleicht einer Broadway-Show. Das Publikum in der Dortmunder Wesfalenhalle ist irritiert und enttäuscht. Es hatte den Jungen mit der Mundharmoniker erwartet.

Ich selbst habe Dylan viermal live erlebt– zuerst in den Wiesbadener Rhein-Main-Hallen, dann im Mannheimer Rosengarten, bei einem Open-Air-Konzert vor dem Wormser Dom und nochmals in Mannheim in der SAP-Arena. Schwer zu sagen, welches Konzert das beste war. Es waren allesamt grandiose Auftritte mit musikalischem Höchstgenuss. Das Besondere an Dylan: er verfügt wie kaum ein anderer Musiker über ein hohes Maß an Variationsbreite. Es trägt in dem einen Konzert einen Song vor, beim nächsten klingt dasselbe Lied völlig anders. Ich habe nicht geglaubt, dass er überhaupt noch mal „Blowing in the wind“ in sein Tournee-Repertoire nehmen wird. Sein letztes Konzert in Mannheim belehrte mich eines Besseren. Den Klassiker von 1962 spielte er in einer atemberaubenden Rockversion.

Aus kirchlicher Sicht mag es wenig erbaulich sein, dass eine Schaffensphase von Bob Dylan, die Musikkritiker als seine „christliche“ bezeichnen, zugleich seine musikalisch schwächste war. Ende der 70er Jahre hatte Bob Dylan nach eigenen Angaben eine Erweckungsphase. Er sang Texte wie  „I’ve been saved by the blood of the lamb. And I’m so glad.  Yes, I’m so glad“.  Dass er glücklich war, sei ihm gegönnt,  die Musik aber war für Dylan-erprobte Ohren eine einzige Zumutung. Ein Album aus dieser Phase „Down in the groove“ kürte die einflussreiche US-Musikzeitschrift „Rolling Stone“ zum „schlechtesten Album eines lebenden Künstlers“.

Was danach kam, war ein anderer Bob Dylan. Alben wie „Time out of mind“ „Love and Theft“ oder „Modern Times“ gehören zu seinem musikalisch überzeugenden Alterswerk. Mindestens so überzeugend wie seine Songs aus den 60er Jahren, die als musikalischer Protest gegen den Vietnam-Krieg verstanden wurden. Im April, wenige Wochen vor seinem 70. Geburtstag, trat er übrigens erstmals in Vietnam auf. Am 25. Juni wird er ein Konzert in Mainz geben.

Doch damit ist die Eingangsfrage nicht beantwortet: Wer ist Bob Dylan? Ein Verwandlungskünster? Ein Egomane, der nur das macht, wozu er Lust hast? Ein Protestsänger, dessen Herz für die Mühseligen und Beladenen schlägt? Ein Klassiker? Ein Barde? Ein Spieler? Ein Prophet? Ein Poet? So viele Fragen. Und die Antwort „is blowing in the wind!!!“

Ein Hinweis: in den hessischen Sommerferien veranstaltet das Evangelische Dekanat die „Sommerbegegnungen im Haus der Kirche“. Eine Sommerbegegnung ist eine Mitmach-Aktion, bei der sich alles um die schwarze Scheibe dreht. Aufgelegt werden Platten zum Thema Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Es gilt als sicher, dass mindestens ein Dylan-Song auf dem Plattenteller landen wird. Der  Termin: Mittwoch 13. Juli um 20.00 Uhr im Heppenheimer Haus der Kirche. Ludwigstraße 13.


Text: Berndt Biewendt