04.03.11 Aktionstag von Kirchen, Gewerkschaften, Kommunen und Sport - 1690 Jahre freier Sonntag


Der freie Sonntag hat eine Lobby, die über die Kirchen und die Gewerkschaften hinausgeht. Das wurde am Donnerstag, den 3. März beim Aktionstag in Heppenheim deutlich. Dort zeigten auch der Sport sowie die Kreisstadt Heppenheim Flagge für den freien Sonntag.

Bis zu 150 Menschen hatten sich vor der Heppenheimer Heilig-Geist-Kirche unter einem 6,40 mal 5.40 Meter großen Transparent versammelt, dessen Aufschrift programmatisch ist: „Der Sonntag ist ein Geschenk des Himmels.“ Daran knüpfte die Dekanin des Evangelischen Dekanats Bergstraße, Ulrike Scherf an. Sie betonte die Freiheit, die dieses Himmelsgeschenk den Menschen ermögliche. „Wenn wir als Kirche von sonntäglicher Freiheit reden, meinen wir die Freiheit zur Besinnung, zur Muße, die Freiheit, den Tag mit der Familie oder mit Freunden zu verbringen, die Freiheit, die Seele baumeln zu lassen und ohne Leistungsdruck einfach sein zu dürfen.“ Zugleich kritisierte sie die sonntäglichen Ladenöffnungen, die laut Gesetz nur zu besonderen Anlässen möglich seien. Tatsächlich seien solche Anlässe oft frei erfunden. Die Bergsträßer Dekanin erinnerte daran, dass das Grundgesetz den Sonntag als „Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erbauung“ schütze und betonte: „Deshalb wünschen wir uns Politiker in Bund, Ländern und Kommunen,  die mit dem Sonntag auch unsere Verfassung schützen.“

Der Dekan der Katholischen Dekanats Bergstraße-Mitte, Thomas Groß, sagte bei der Kundgebung vor der Heilig-Geist-Kirche: „Der Sonntag ist unbezahlbar. Da gibt es nichts zu verdienen“. Ohne den Sonntag gehe das Unbezahlbare verloren. Sein Appell: „Lasst uns den Sinn für das Unbezahlbare wach halten!“

Der Ehrenvorsitzende des Sportkreises Bergstraße, Horst Knop, betonte, dass Kirche und Sport tragende Säulen der Gesellschaft seien und warnte vor dem Verlust der Gemeinschaft, die der freie Sonntag ermögliche.  „Das Gemeinschaftserlebnis gerät mit der zunehmenden Kommerzialisierung durch verkaufsoffene Sonntage mehr und mehr ins Abseits“, so der langjährige Vorsitzende des Sportkreises.

Kirche und Gewerkschaften ziehen beim Sonntag an einem Strang, meinte Franz Beiwinkel vom DGB-Kreisverband Bergstraße. Er forderte regelmäßige und planbare Arbeitszeiten, Zeit für Familie oder Freunde und Zeit für Muße und Entspannung. Der freie Sonntag sei, so Franz Beiwinkel wörtlich, „ein Symbol für Fairness und Gerechtigkeit im Arbeitsleben“.

Warum Heppenheim als erste Kommune der Allianz für den freien Sonntag beigetreten ist, machte Bürgermeister Gerhard Herbert deutlich. Der freie Sonntag sei für die Qualität des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft wichtig. Heppenheim werde pro Jahr nur zwei statt der vier möglichen verkaufsoffenen Sonntage genehmigen. Der Bürgermeister wörtlich: „“Wir werden auch in Zukunft Anträge von Einzelfirmen bei Veranstaltungen wie z.B. einer Neueröffnung nach einem Umbau, dem Formel1-Start oder ähnlichen Wünschen, die an uns herangetragen werden, ablehnen.“

Die Sonntagskundgebung wurde vom Posaunenchor der Heilig-Geist-Gemeinde musikalisch begleitet. Beim anschließenden ökumenischen Gottesdienst in der Kirche trat der Liedermacher Clemens Bittlinger mit seinem neuen Lied „Mein Sonntag“ auf. Er war dafür von der gleichnamigen Ausstellung von Sonntagsporträts im Evangelischen Dekanat Bergstraße inspiriert worden. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der evangelischen und katholischen Kirche trugen im Wechsel biblische und literarische Sonntagstexte vor. Die Kollekte des Gottesdienstes war für die Notfallseelsorge bestimmt. Damit wurde zum einen eine Anregung der Freiwilligen Feuerwehr Heppenheim aufgegriffen, die die Organisatoren des Aktionstages beim Anbringen des Großtransparentes an der Heilig-Geist-Kirche unterstützt hatte. Zum anderen betonte Dekanin Scherf, dass die Kirchen nicht jede Sonntagsarbeit ablehnten. Die Notfallseelsorge,  die auch Sonntagseinsätze habe, sei ein Beispiel dafür, dass es Sonntagarbeit gebe, die als Dienst an der Gemeinschaft unverzichtbar sei.

Gemeindepfarrer Frank Sticksel erklärte, dass der Sonntagsgottesdienst an einem Donnerstag „kein Karnevalsscherz“ sei. Der Termin sei mit Bedacht gewählt. Denn der 3. März war der 1690. Jahrestag des freien Sonntags. Am 3. März 321 hatte der damalige römische Kaiser Konstantin den Sonntag zum arbeitsfreien Tag erklärt. Dies war der Anlass für den Aktionstag in der gesamten Region Starkenburg. Weil der Sonntag „Geburtstag“ feierte,  erhielten alle Besucherinnen und Besucher des Gottesdienstes  eine CD mit dem Lied „Mein Sonntag“ als Geschenk.

Ähnliche Aktionen wie in Heppenheim gab es in Darmstadt, Dieburg, Griesheim, Gernsheim und Beerfelden. Organisiert wurde sie von der Allianz für den freien Sonntag in der Region Starkenburg, die 2009 auf Initiative des Evangelischen Dekanats Bergstraße gebildet wurde. Gründungsmitglieder waren die evangelischen Dekanate in der Propstei Starkenburg, die katholischen Dekanate Bergstraße, der Olympische Club Starkenburg sowie DGB- und Verdi-Südhessen.         

 

Den Wortlaut des Statements von Dekanin Ulrike Scherf finden Sie hier

Den Wortlaut des Statements vom Ehrenvorsitzenden des Sportkreises Bergstraße, Horst Knop finden Sie hier

Den Wortlaut des Statements vom Vorsitzenden des DGB-Kreisverbandes Bergstraße, Franz Beiwinkel finden Sie hier

Den Wortlaut des Statements von Heppenheimers Bürgermeister Gerhard Herbert finden Sie hier

Das Statement von Dekan Thomas Groß ist angefragt.


Text u. Fotos: bet

 

 

 





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos von oben nach unten:
zur Kundgebung vor der Heilig-Geist-Kirche kamen rund 150 Teilnehmer/innen
Moderation hatte Christel Fuchs vom Kirchenvorstand der Heilig-Geist-Gemeinde
Redebeiträge kamen von Dekan Thomas Groß (Kath. Dekanat Bergstraße-Mitte)
Dekanin Ulrike Scherf (Ev. Dekanat Bergstraße)
Horst Knop (Ehrenvorsitzender Sportkreis Bergstraße)
Franz Beiwinkel (Vorsitzender DGB-Kreisverband Bergstraße)
Gerhard Herbert (Bürgermeister von Heppenheim)
Der Posaunenchor der Heilig-Geist-Gemeinde sorgte für die musikalische Begleitung.
Beim ökumenischen Gottesdienst in der Kirche wirkten mit:
Liedermacher Clemens Bittlinger sowie
Gemeindepfarrer Frank Sticksel, Diakon Peter Jakob, Dekan Groß, Dekanin Scherf

Fotos: bet