27.12.2010 "Eine Ellipse mit zwei Brennpunkten" - Bildungsreferentin und Gemeindepfarrerin

Ein Jahr Bildungsreferentin im Ev. Dekanat Bergstraße – Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus insbesondere mit Blick auf den Spagat zwischen Dekanat und Gemeinde?

Die Bilanz ist gut. Gerade wegen der zwei verschiedenen Arbeitsaufträge, die ich habe. Für mich ist das kein Spagat, sondern eher eine Ellipse mit zwei Brennpunkten. Natürlich ist das gerade am Anfang ein hohes Maß an Neuorientierung und Engagement. Und dieser Anfang hält in meiner Wahrnehmung auch noch an. Hier im Haus der Kirche schätze ich vor allem die gute Kollegialität und die themenbezogene Kooperation, wie sie zum Beispiel durch unsere Zusammenarbeit in Sachen »Arbeitsfreier Sonntag« und »Heppenheimer Erklärung« auch nach außen hin sichtbar geworden ist. Auch macht es mir Freude mit dazu beizutragen, dass die ganz unterschiedlich strukturierten Gemeinden im Dekanat sich als Gemeinschaft
begreifen und erfahren können. Die noch bis Ende Januar zu sehende Kirchentür-Ausstellung ist zum Beispiel so ein Angebot zur Vernetzung und wechselseitigen Wahrnehmung.
Zugleich muss ich zugeben, dass ich bei meiner Arbeit in der Kirchengemeinde merke, wie schwer es für Ehrenamtliche wie Hauptamtliche ist in Bewegung zu kommen auf andere, nachbarschaftliche Kirchengemeinden hin: Manchmal ist der Terminkalender zu voll, dann ist das Wetter hinderlich oder dann gibt es das gut nachvollziehbare Bedürfnis, mal einen freien Abend oder Nachmittag zu haben. Überhaupt staune ich immer wieder wie viele Angebote es in unseren Gemeinden gibt. Sie alle sind für mich Teil eines evangelischen Bildungsauftrags, der Menschen zur ebenso kritischen wie barmherzigen Begegnung mit sich selbst, mit dem Anderssein der Anderen und mit Gott herausfordert.

Was ist das Besondere an Bildung mit dem Adjektiv „evangelische“?

Ganz wörtlich genommen, dass sie eine gute Botschaft bereit hält. Diese Botschaft haben meine Kollegin Birgit Geimer und ich auf unserer Seite der Dekanatshomepage dahingehend entfaltet, dass sie »Menschen in ihrer persönlichen Weiterentwicklung unterstützt, einzelne ihrer Kompetenzen fördert und zugleich etwas dazu beiträgt, dass sich die dahinter stehenden Begabungen entfalten können.« Theologisch zugespitzt bedeutet das, dass wir Menschen zum Nonkonformismus auf den Spuren Jesu ermutigen und befähigen wollen. Ein klein wenig zumindest, denn evangelische Bildungsarbeit weiß auch, dass zu unserem Wollen ein Vollenden von Gottes Seite her dazukommen muss.
Allerdings machen mir manchmal all die Verwaltungsvorgänge, in die die evangelische Bildungsarbeit eingebunden ist, den Eindruck, als wollten wir uns doch nicht so ganz auf das Wirken Gottes verlassen. Das ist, weihnachtlich gesagt, so ein bisschen als ob Maria und Joseph vor ihrem Aufenthalt im Stall digital abgescheckt hätten, ob sie damit auch die richtigen Milieus erreichen und wer sonst noch mit diesem Szenario agiert.  Damit ist nichts gegen eine fachliche Qualifizierung im soziologischen Kontext gesagt. Wohl aber, dass ich als Theologin das Adjektiv evangelisch weniger programmatisch, denn prophetisch begreifen und ausfüllen möchte.

Welche Schwerpunkte wollen Sie im kommenden Jahr setzen?

Der nach außen sichtbare, rote Faden werden wieder die Ausstellungen im Haus der Kirche sein. Sie haben im letzten Jahr eine gute bis sehr gute Resonanz gefunden. Freuen würde mich, wenn immer mehr Kirchengemeinden die Chance nutzen, die Bilder oder Fotographien dann auch bei sich zu zeigen. Das hat einmal den oben genannten Vernetzungseffekt – das Gezeigte kommt in mehreren Kontexten ins Gespräch. Zum anderen würde einmal mehr deutlich, wie bereichernd die Auseinandersetzung mit allen Formen der Kunst und der darin enthaltenen Lebensdeutung für den Gemeindealltag sein kann. Und umgekehrt ist denkbar, dass die von Kirchengemeinden initiierten Ausstellungen auch bei uns gezeigt werden.
Der andere Schwerpunkt werden Angebote zur Sprache und Sprachförderung sein: Das beginnt im Februar mit einem Angebot zum Sprechen, Lesen und Beten im Gottesdienst. Und führt im Herbst zu einem Wochenendseminar in Kooperation mit dem Haus der Stille, bei dem es um die poetische Sprache als Wegbereiter für Gebet und Mediation gehen wird. Dazwischen liegt noch ein viertägiger Kurs zu »Wandern und Meditation«. Und jetzt im März gibt es die Möglichkeit, sich dem Thema »Mein Kreuz« im Rahmen eines Schnitzkurses, den der Holzkünstler und Schreinermeister Bernd Mohr leitet, anzunähern.

Sprache – Sprachbefähigung und Sprachfähigkeit sind Ihnen wichtig. Mitunter geht es wie bei dem Schnitzkurs aber auch ganz handfest zu. Warum?

Es ist mit dem Schnitzen wie mit dem Schreiben oder auch dem Malen, Fotografieren und Komponieren: Das für uns Wesentliche bleibt stehen. Das kann spontan geschehen oder nach eingehender Reflexion. Dabei beeindruckt mich beim Schnitzen besonders, dass in der Auseinandersetzung mit dem Holz der Widerstand spürbar wird, den alles künstlerische Schaffen überwinden muss. Beim Dichten ist das zum Beispiel die Suche nach dem passenden Wort. Hilde Domin spricht deshalb „von dem Schweiß, der nach innen rinnt«. Und wenn es dann auch beim Schnitzen anstrengend wird, bekommt das eine ganz reale Dimension. Beides aber – das Schnitzen und das Schreiben – birgt die Chance, dass Menschen für sie wesentliche Lebenserfahrungen zum Ausdruck bringen und in Auseinandersetzung mit diesem Ausdruck neu und anders auf ihre Erfahrung schauen können. Das wäre sozusagen die seelsorgliche Dimension des Ganzen.