23.12.2010 "Aus der Perspektive bedrohter Kinder" - Weihnachtsansprache des Kirchenpräsidenten

Die Welt aus der Perspektive bedrohter Kinder sehen – diesen Kerngedanken legt Kirchenpräsident Dr. Volker Jung seinen Ansprachen zum diesjährigen Weihnachtsfest zugrunde. Jung predigt am Heiligen Abend um 23 Uhr in der Darmstädter Pauluskirche und spricht am 25. Dezember um 7:30 Uhr die Morgenfeier im zweiten Hörfunkprogramm (hr2) des Hessischen Rundfunks.

Wer die Welt aus der Perspektive bedrohter Kinder sehe, sei herausgefordert, sich für den Schutz und die Rechte von Kindern und Jugendlichen in der Gesellschaft einzumischen. Dazu gehöre, dass alle Kinder – auch arme – echte Chancen hatten, nicht nur theoretische: „Jedes einzelne Kind muss so geschützt und gefördert werden, dass es die Chancen, die es hat, auch wirklich nutzen kann.“

Die Weihnachtsgeschichte, die von der Geburt des Gottessohnes Jesus Christus als wehrloses und verletzliches Kind in einem Stall bei Bethlehem erzählt, ist für Jung „Gottes große Geste der Liebe, damit wir wissen, wie nahe er uns ist und bleiben möchte“. Die Weihnachtsgeschichte passe nach Jungs Auffassung nicht in das Schema dieser Welt, da sie keine „Geschichte der Macht und des Geldes“, sondern „eine gegen die Angst“ sei. Sie rede auf neue Weise von Gott und stelle ihn nicht als „großen, allmächtigen, unbegreiflichen, souveränen Gott irgendwo, weit ab von dieser Welt“ dar sondern als „Kind in der Krippe“. Gott habe sich klein und schwach gemacht, sagt Jung, damit das Kleine und Schwache nicht verloren gehe. Dazu zählt Jung ausdrücklich weltweit die Kinder, die unter Krieg und Gewalt und Katastrophen leiden, die Kinder, denen Gewalt angetan wurde von Menschen, denen sie vertrauten. sowie die Kinder, die zur Arbeit gezwungen werden.

Arme und vergötterte Kinder
Jung weist darauf hin, dass jedes sechste Kind in Deutschland arm sei, 1,7 Millionen Kinder lebten von der Grundsicherung, genannt HARTZ IV, die für sie deutlich weniger als 300 Euro im Monat ausmache. Es sei ein Skandal, so Jung, dass Kinder in Deutschland ein Armutsrisiko seien. Dafür schärfe das Kind in der Krippe den Blick.
Es gebe, so Jung, aber auch die Gefahr Kinder zu vergöttern: „Nicht jedes Kind ist ein Gott, nur weil Gott als Kind in die Welt kam.“ Manche Eltern würden dies vergessen und ihr Kind mit einem Übermaß an Aufmerksamkeit, Geschenken, Kleidern und Spielsachen wie eine Gottheit überhöhen. Diese Art der Fürsorge verkenne ein Kind.

Sexuelle Gewalt nimmt Kindern das Wichtigste: Vertrauen
Nach Jungs Auffassung haben Kinder etwas, womit sich viele Erwachsene ganz schwer tun: Vertrauen. „Kinder können sich das Leben und den Glauben mit leeren Händen und offenem Herzen schenken lassen. Für Gott sind wir ein Leben lang Kinder, Gottes Kinder.“ Dieses Vertrauen könne sich im Laufe des Lebens weiterentwickeln, aber auch zerstört werden. Genau das erführen Kinder, denen sexuelle Gewalt angetan werde. Das demütige, verletze und verängstige sie. Aber das Schlimmste sei, dass sie oft Opfer von Menschen würden, die sie kannten und denen sie vertrauten. Das dadurch verlorene Vertrauen wirke sich auf das ganze Leben und auch auf den Glauben aus. Deshalb sei es so wichtig, dass Kinder geschützt und als Kinder geachtet würden.

„Damit niemand verloren geht“
Jung ist sich sicher: „Wer die Weihnachtsgeschichte zu sich sprechen lässt, schaut anders auf diese Welt – mit dem Blick von unten, dem Blick des Kindes in der Krippe, das keinen Menschen verloren gibt. Wer diese Perspektive einnimmt, wer seinen Glauben an Jesus Christus, das Kind in der Krippe, hängt, der wird nicht mehr aufhören auf eine bessere Welt zu hoffen. Der wird nicht mehr aufhören, für die Menschen einzutreten, die leiden und die in Not sind, damit niemand verloren geht. Du nicht und ich nicht. Keines seiner Menschenkinder:“ Der christliche Glaube strebe danach, sagt Jung, den Lauf der Weltgeschichte mitzuprägen, „damit Gottes Reich des Friedens, der Versöhnung und der Gerechtigkeit bereits in der Geschichte dieser Welt wachsen kann“.