10.12.2010 "Genau 3250 Gramm Hoffnung" - Adventsandacht des Kirchenpräsidenten

Ob Maria wusste, wie viel Jesus bei seiner Geburt wog? Ob Josef nachmaß, mit wie vielen Zentimetern das Kind die Krippe ausfüllte? Die Bibel verrät es nicht. Fast alle jungen Eltern kennen heute die Maße ihrer Neugeborenen auf Gramm und Zentimeter genau. Bunte Geburtsanzeigen zeugen von dem großen Glück, dass ein Kind das Licht der Welt erblickt hat. Auf kaum einer fehlen Geburtsgewicht und Größe. Es ist ein Zeichen dafür, dass unsere Sprache an ihre Grenzen stößt. Wir tun uns schwer, Worte für das große Wunder der Geburt zu finden. Deshalb halten wir uns lieber an Zahlen fest: 3250 Gramm Mensch und 51 Zentimeter Leben.

Ein Kind kommt zur Welt: Es dauert oft nur einen Augenblick, es in Empfang zu nehmen. Trotzdem bleiben Eltern lange auf der Suche danach, dieses Wunder zu begreifen und mit eigenen Worten auszudrücken. Noch viel schwerer fällt es, das Ereignis im Stall von Bethlehem zu verstehen. In der Weihnacht kommt Gott zur Welt. In der Krippe: 3250 Gramm und 51 Zentimeter. Der Größte begegnet im Kleinen.

Das macht das Christentum aus. Gott wagt es, mitten in dieser Welt zu erscheinen und sich ihren Regeln zu unterwerfen. Er will wie seine Geschöpfe riechen und schmecken, lachen und weinen, leben und sterben. Gott schaut sich die Welt an: aus dem Blickwinkel eines Kindes. Er riskiert damit, verletzlich zu sein wie ein Menschenkind. Und er ist selbst verletzt, mit jedem Kind, das verletzt wird.

Im gerade zu Ende gehenden Jahr konnten wir miterleben, was das heißt. Bei der verheerenden Flut in Pakistan waren es die Kinder, die ihr besonders ausgeliefert waren. Sie verloren nicht nur ihr Heim, sondern oft genug auch ihre Eltern. In diesem Jahr sind wir in Deutschland darüber erschrocken, was Kindern über Jahrzehnte hinaus angetan wurde. Es ist gut, dass Menschen anfangen, davon zu reden, was ihnen an Gewalt widerfahren ist. Und es ist wichtig, dass Erwachsene ihre Verantwortung wahrnehmen, damit Kinder heil aufwachsen können.

Die Weihnachtsgeschichte zeigt, wie nahe uns Gott kommt. Sie ruft aber auch dazu auf, die Welt aus dem Blickwinkel der Kinder zu sehen. Das heißt, sensibel zu sein für das, was besonders verletzlich ist. 3250 Gramm und 51 Zentimeter: scheinbar dürre Zahlen. Doch dahinter steckt eine große Verantwortung. Und eine große Hoffnung.

Das Wunder der Geburt im Stall von Bethlehem: Dazu gehört, dass dieses Kind gekommen ist, Menschen zu befreien von Gewalt, von Not und von der Macht des Todes. In diesem Kind begegnet uns Menschen göttliches Leben.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete und hoffnungsvolle Advents- und Weihnachtszeit 2010.

 

Dr. Volker Jung, Kirchenpräsident der EKHN

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

 




 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text u. Fotos: bet