29.10.2010 Armut und Sprache  - Von Bierchen und substituierenden Flüssigkeitsvolumen


Begleitend zur Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung veranstaltet das Evangelische Dekanat heute Abend (Freitag 29. Oktober) im Haus der Kirche eine Textwerkstatt. Das Motto: „Der Armut Sprache geben“. Dabei geht es auch um die Frage, wie wir Menschen gegenüber treten, die in Armut leben,  wie wir mit Ihnen reden, welche Haltung wir ihnen gegenüber einnehmen.

„Ausgehend von unserer christlichen Überzeugung der Gottebenbildlichkeit des Menschen treten wir dafür ein, dass jeder Mensch in Würde leben und unabhängig vom Einkommen in vollem Umfang am gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben teilhaben kann.“ So heißt es am Anfang der Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung, die das Evangelische und die Katholischen Dekanate Anfang Oktober gemeinsam verabschiedet haben.

Fühlen sich Menschen, die auf staatliche Hilfe zum Lebensunterhalt angewiesen sind,  mit Respekt und Würde behandelt, wenn sie den Wortlaut der neuen Berechnungsgrundlage für die Hartz-IV-Sätze lesen? Darin heißt es: „Ausgehend von zwölf Liter Flüssigkeitsbedarf ergibt sich das maximal durch alkoholfreie Getränke zu substituierende Flüssigkeitsvolumen.“. So steht es im Gesetzentwurf von Bundesarbeitsministerin von der Leyen. Doch was ist gemeint? 

Die monatlich  8 Euro und 11 Cent, die Hartz-IV-Bezieher derzeit noch für alkoholische Getränke wie Bier und Wein bekommen, werden gestrichen. Dafür erhalten sie künftig 2,99 Euro pro Monat, die sie für -so wörtlich - "preiswertes Mineralwasser aus dem Discounter" ausgeben sollen. Das ist das „durch alkoholfreie Getränke zu substituierende Flüssigkeitsvolumen“. Mit anderen Worten: ein Schoppen Wein auf dem Bergsträßer Weinfest gehört für Hartz-IV-Bezieher nicht zur gesellschaftlichen und kulturellen Teilhabe.  Sie müssen draußen bleiben! 

Wie fühlen sich die Betroffenen, wenn sie vom „maximal durch alkoholfreie Getränke zu substituierenden Flüssigkeitsvolumen“ hören? Eine Mitarbeiterin des Diakonischen Werks hatte die Streichung der Beitrages für alkoholische Getränke mit den Worten kommentiert: „Ab und an ein Bierchen gehört für mich zur Würde!“

Die Textwerkstatt beginnt heute Abend um 18.30 Uhr im Haus der Kirche, Heppenheim, Ludwigstraße 13. Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

 


Text : bet