23.10.2010 "Ich gucke halt, dass ich das Billigste bekomme" - Porträt einer Frau, die von Hartz-IV lebt


Begleitend zur Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung hat das Evangelische Dekanat Menschen aus der Region Bergstraße porträtiert, die von Armut bedroht sind oder in Armut leben. Edeltraud Gerbig aus Bensheim ist auf Hilfeleistungen nach Hartz-IV angwiesen.

.„Wenn es uns einigermaßen gut geht, dann reicht es uns schon“, sagt Edeltraud Gerbig über ihr Leben. Doch oft reicht es eben nicht. Denn mit dem Geld ist es extrem knapp. Gegen Monatsende ist es fast immer aufgebraucht, manchmal auch schon Mitte des Monats.

Edeltraud Gerbig ist 56 Jahre alt und wohnt in Bensheim. Vor zehn Jahren hat sie ihren letzten Job gehabt - als Haushaltshilfe. Heute lebt sie von Hartz-IV. Ihr Lebenspartner Reimund Kraus erhält die gesetzliche Grundsicherung, weil er dauerhaft krank und nicht mehr arbeitsfähig ist. Vor 15 Jahren wurde bei ihm Aids diagnostiziert.

Zu unserem verabredeten Gespräch erscheint der 50jährige nur ganz kurz. Er bittet um Entschuldigung. Er möchte sich ausruhen, denn er fühle sich schwach. Und das nimmt man ihm auch sofort ab. Der einst kräftige, groß gewachsene Mann ist hager, seine Augen wirken müde. Wo er sich infiziert hatte, ist unbekannt. „Das war für mich aber keinen Grund, den Mann sausen zu lassen“, sagt Edeltraud Gerbig, die mit ihrem Partner bereits seit 25 Jahren zusammen lebt. Sie selbst hat sich testen lassen. Das Ergebnis war negativ.

Beiden stehen pro Monat jeweils 359 Euro zur Verfügung. Davon müssen neben Nahrungsmittel und Kleidung zum Beispiel auch die Praxisgebühr oder die Zuzahlung für Medikamente beglichen werden. Erst vor kurzem musste Edeltraud Gerbig sieben Euro für ein Medikament berappen, weil sie Probleme mit der Bandscheibe hat.  Die Ausgabe hat sie gewurmt, noch mehr, dass das Medikament nicht geholfen hat. Die Schmerzen sind geblieben, erzählt sie in ihrer aufgeräumten Küche und schenkt dabei Kaffee ein.

Im Oktober vergangenen Jahres konnten die beiden endlich in eine neue Sozialwohnung ziehen. Mit den beiden Zimmern, Küche und Bad sind sie sehr zufrieden.  Vorher, so sagt Edeltraud Gerbig, habe sie in einem schmutzigen Loch gewohnt - ohne Warmwasser und ohne Dusche. Ein Problem gab es  in der neuen Wohnung mit der Heizrechnung. Sie müssen nun ein Teil der Heizkosten an das Job-Center bzw. das Kreissozialamt zurückzahlen, weil sie die so genannte „Angemessenheitsgrenze“ überschritten hatten. Nach dem langen und kalten Winter hatten sie deutlich mehr verbraucht als ihre Vormieter. Das Geld wird ihnen vom Arbeitslosengeld II bzw von der Grundsicherung abgezogen. Damit haben sie pro Monat weniger zur Verfügung als das festgesetzte Existenzminimum von 359 Euro.

Ihre sozialen Kontakte haben Edeltraud Gerbig und Reimund Kraus weitgehend abgebrochen. Ihre  Wohnung verlassen sie nur noch selten;  Edeltraud Gerbig eigentlich nur noch dann, wenn sie im nahe gelegenen Super-Markt einkaufen geht.  „Was soll ich in der Fußgängerzone bummeln, wenn ich ohnehin nichts kaufen kann“, betont sie. Auch bei der Tafel in der Bensheimer Innenstadt hatte Edeltraud Gerbig schon mal versucht, günstig Lebensmittel zu bekommen. Doch sie kam zu spät. Das meiste war bereits weg. Für sie selbst sei nur noch eine Handvoll Kartoffeln übrig gewesen. Kleidung kaufen sie möglichst billig oder halt Second-Hand. „Ich kann keine Hose kaufen, die teurer ist als 20 Euro. Ich gucke halt, dass ich das Billigste bekomme, das aber dennoch gut aussieht“.

Edeltraud Gerbig hat früher Drogen genommen. Auch das ist ein Grund, warum sie keinen Kontakt mehr zu alten Bekannten pflegt. „Ich bin davon weg und habe dazu auch keine Lust mehr. Freunden kann man nicht trauen. Zu denen will ich gar keinen Kontakt mehr haben“, sagt sie. Kontakt pflegen sie zum Streetworker des Diakonischen Werkes. Er hilft z.B. beim Ausfüllen von Formularen oder bei Behördengängen.
Ein Sohn von Edeltraud Gerbig ist bereits gestorben, eine Tochter lebt in Heidelberg.  Zu ihr hat sie nur sporadisch Kontakt. Die andere Tochter, die in Mannheim wohnt, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass sie auf Drogen verzichtet und auf Distanz zur Drogenszene gegangen ist.  „Meine Tochter ist gegen Alkohol, sie trinkt nicht und sie raucht auch nicht“, erläutert die 56jährige. „Sie hatte mir gesagt, wenn Du es schafft ein halbwegs bürgerliches Leben zu führen, dann kommen die Enkel auch zu dir!“ Ihre Enkelkinder waren kürzlich zu Besuch, der Kontakt mit ihrer Tochter ist intensiver geworden. Doch auch die Tochter hat es nicht leicht. Sie ist alleinerziehende Mutter von  drei Kindern im Alter von  14, 6 und 4 Jahren. Sie  ist ebenfalls Hartz-IV-Bezieherin und verdient sich zusätzlich Geld, in dem sie zwei bis dreimal in der Woche putzen geht.

Auf die Frage, was sie selbst sich für ihr eigenes Leben wünsche, sagt Edeltraud Gerbig:  „Dass mein Freund wieder gesund wird und dass ich meiner Tochter und meinen Enkeln helfen kann“.

Bei der Verabschiedung wacht Reimund Kraus aus, hebt die Hand und winkt. Er war erschöpft im Nebenzimmer eingeschlafen. „Vielleicht leben wir ja noch weitere 25 Jahre zusammen“, sagt Edeltraud Gerbig. „Wir haben uns ernsthaft Gedanken gemacht, ob wir nicht doch noch heiraten sollten“.



Foto: Edeltraud Gerbig in der Küche ihrer Bensheimer Wohnung.
Text und Foto: bet