22.10.2010 "Nur zu Hause sitzen halte ich nicht aus" - Porträt eines Langzeitarbeitslosen


Begleitend zur Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung hat das Evangelische Dekanat Menschen aus der Region Bergstraße porträtiert, die von Armut bedroht sind oder in Armut leben. Manfred Treber* aus Bensheim ist seit mehreren Jahren arbeitslos und bekommt „die Grundsicherungsleistung für erwerbsfähige Hilfebedürftige nach dem Sozialgesetzbuch II“ – landläufig  als Hartz-IV bekannt.

Sich nicht unterkriegen lassen und immer positiv denken – das ist die Devise von Manfred Treber*. Er versucht das Beste aus seiner Situation zu machen. Doch seine Situation ist alles andere als gut.

Manfred Treber lebt von Hartz-IV und einem Mini-Job. Er arbeitet auf 400 Euro-Basis bei den Maria-Ward-Schwestern in Bensheim - als Hausmeister und im Garten. Das ist mitunter harte körperliche Arbeit. Von den 400 Euro bleiben ihm freilich nur 160 Euro. Der Rest wird mit dem Arbeitslosengeld II verrechnet. Doch diesen Job macht er gern und er ist ihm wichtig. „Man muss doch was tun. Nur zu Hause sitzen, Fernsehen gucken und Musik hören halte ich nicht aus“, sagt er. Viel zu viele Hartz-IV-Bezieher lassen sich nach seinen Beobachtungen hängen. „Wenn dann noch Alkohol ins Spiel kommt, ist das einfach frustrierend“, meint der 54jährige, der seit sechs Jahren arbeitslos ist. Früher hatte er als Kfz-Mechaniker gearbeitet, war dann über 20 Jahre beim Raiffeisen-Markt - zeitweilig sogar als Markt-Leiter. Doch als Standorte geschlossen und Arbeitsplätze abgebaut wurden, bekam Manfred Treber die Kündigung. Seine Ehe, die kinderlos blieb, ging in die Brüche. Seitdem ist er mehr oder minder auf sich allein gestellt.  In den sechs Jahren Arbeitslosigkeit bekam er vom Job-Center ein einziges Arbeitsangebot.

Schlimm ist es für Manfred Treber oft am späten Abend. „Ich kann nicht schlafen, wenn ich  den ganzen Tag nichts gemacht habe. Ich fühle mich ausgeruht, sitze dann oft bis zwei, drei Uhr nachts und komme ins Grübeln“. Auch die kalte Jahreszeit macht ihm zu schaffen. „Im Sommer geht es ja noch. Aber im Winter, wenn es früh dunkel wird, da muss man schon aufpassen, dass man nicht depressiv wird“.

Mit Hartz-IV und dem Mini-Job kann Manfred Treber keine großen Sprünge machen. Damit, so sagt er, komme er gerade so über die Runden. Für Kino, Theater oder andere kulturelle Veranstaltungen fehle das Geld. „Ab und an gehe ich zu einem Blues-Konzert. Davon kann ich nicht lassen.“ Der Blues ist  seine Leidenschaft geblieben.

Er selbst organisiert sich immer wieder Beschäftigung. Ein Freund fährt mit ihm sonntags nach Pfungstadt. Dort betätigt er sich im Tierheim  als „dog walker“ – er geht mit Hunden Gassi. Alle fünf Wochen arbeitet er ehrenamtlich für die Tafel in Bensheim. Bereits seit vier Jahren ist er dabei. Er holt Lebensmittel und hilft bei der Ausgabe „Man tut einfach was. Durch die Tafel komme ich einfach unter die Leute“. Das stärkt nicht nur sein Selbstwertgefühl. Durch die Tafel hatte er auch den Mini-Job bei den Maria-Ward-Schwestern bekommen.

Als Hartz-IV-Bezieher könnte Manfred Treber nicht nur für die Tafel arbeiten, sondern dort auch zu einem symbolischen Preis einkaufen und sich mit Lebensmitteln versorgen. Doch das will er nicht. „Es ist eine Gewissensfrage“, sagt er. Auf die Nachfrage, ob er sich bei der Tafel deshalb nicht mit Lebensmittel versorgen will, weil es anderen noch schlechter geht, nickt er stumm mit dem Kopf.

*Name auf Wunsch des Betroffenen geändert


Text: bet