21.10.2010 "Ohne die Tafel könnte ich nicht leben" - Porträt einer Rentnerin


Begleitend zur Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung hat das Evangelische Dekanat Menschen aus der Region Bergstraße porträtiert, die von Armut bedroht sind oder in Armut leben. Hiltrud Leisner* aus Rimbach bekommt eine Mini-Rente. Sie ist ein Beispiel für Altersarmut.

Hiltrud Leisner hat ihr ganzes Leben gearbeitet. Sie hat drei Kinder groß gezogen und 40 Jahre lang ihren schwerkranken Mann gepflegt. Wenn sie Strom, Heizung, Wasser, Abfallgebühren und alle Nebenkosten abzieht, dann bleiben der 69jährigen 140 Euro pro Monat zum Leben.

Ihr Ehemann war die feste Bezugsgröße in ihrem Leben. Hiltrud Leisner hat ihn Tag und Nacht gepflegt, wenn er nicht gerade – und das kam häufig vor - stationär im Krankenhaus behandelt wurde. „Solange mein Mann lebte, konnte ich kämpfen“, betont Hiltrud Leisner. Sie holte Rat bei verschiedenen Spezialisten im In- und Ausland ein, verhandelte mit Ärztekammer und Krankenkasse und schaffte es, dass ihr Mann nach einem Verfahren operiert wurde, das bislang nur in den USA getestet wurde. Vor zwei Jahren ist er gestorben.

Erst nach seinem Tod wurde Hiltrud Leisner ihre finanzielle Situation bewusst. „Ich habe niemals geahnt, dass ich im Alter so wenig Geld zur Verfügung habe“, sagt die zierlich wirkende Frau. Sie hatte ihren Mann gepflegt, sich um die Kinder gekümmert und nur in der kurzen Zeit, als sie sozialversicherungspflichtig beschäftigt war, in die Rentenversicherung eingezahlt.

Zunächst hatte sie sich geschämt, es den Kinder zu sagen, wie wenig Geld sie zur Verfügung hat.  „Ich bin doch für meine Kinder da und nicht die Kinder für mich“, meint die 69jährige, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung preisgeben  und sich auch nicht fotografieren lassen will. „Ich stehe zu allem, was ich sage. Es ist ja die Wahrheit. Aber für meine Kinder wäre es ein Problem“. Die Kinder sind längst erwachsenen und wohnen ganz in der Nähe. In der ländlichen Region, wo fast jeder jeden kennt, ist es mitunter nicht leicht, sich zu seinen finanziellen Problemen zu bekennen. Die Armut der Mutter, so die Befürchtung, würde auf die Kinder zurückfallen. Dabei unterstützen die Kinder ihre Mutter so gut es eben geht, insbesondere bei größeren Ausgaben, wenn etwa eine Reparatur fällig wird. Die Kinder haben selbst Familien gegründet. Hiltrud Leisner ist inzwischen vierfache Großmutter. Einer ihrer Söhne hatte Bundeskanzlerin Merkel geschrieben und sie gefragt, wie seine Mutter von 140 Euro im Monat leben soll. Als Antwort kam eine Broschüre verbunden mit dem Hinweis, dass sich die Mutter bislang wohl noch nicht an die richtigen Stellen gewandt habe.

Richtig war Hiltrud Leisner dann beim Diakonischen Werk. Eine Mitarbeiterin hatte sie auf die Tafel in Rimbach aufmerksam gemacht. Hiltrud Leisner fuhr dorthin, traute sich aber zunächst nicht hinein. „Es war ein schwerer Schritt. Ich habe über eine halbe Stunde den Tafel-Laden von der anderen Straßenseite beobachtet, bevor ich mir einen Ruck gab. Wenn ich dort in einer langen Schlange auf Lebensmittel hätte warten  müssen, wäre ich niemals hineingegangen“.

Das Diakonische Werk Bergstraße hat das logistische Meisterstück fertig gebracht, dass alle Tafel-Kunden feste Zeiten bekommen, zu denen sie sich dort mit Lebensmitteln eindecken können. Es sind jeweils immer nur vier bis sechs Kunden im Laden. Lange Warteschlangen, die bis auf die Straße reichen, werden so vermieden. „Ohne die Tafel könnte ich mit 140 Euro nicht überleben“, sagt Hiltrud Leisner, die nicht nur die günstige Einkaufsmöglichkeit schätzt. „Die Tafel-Helfer sind sehr nett. Es gibt niemanden, der es einen spüren lässt“.

*Name auf Wunsch der Betroffenen geändert


Text: bet