20.10.2010 "Steck doch die Karte da rein und hol Dir Geld" - Porträt einer Alleinerziehenden


Begleitend zur Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung hat das Evangelische Dekanat auch Menschen aus der Region Bergstraße porträtiert, die von Armut bedroht sind oder in Armut leben. Ein hohes Armutsrisiko haben Alleinerziehende. Wir stellen heute Arbena Furrtar* aus Heppenheim vor.

Als ihre Eltern aus dem Kosovo  flüchteten, war sie drei Jahre alt. An ihr Geburtsland hat sie keine Erinnerungen mehr. Heute ist Arbena Furrtar eine alleinerziehende Mutter, die fließend und akzentfrei deutsch spricht, aber in Deutschland nur geduldet ist.

Die 26jährige lebt in Heppenheim. Zuletzt hat sie bei einer Supermarkt-Kette als Aushilfskraft gearbeitet. Anfang des Jahres verlor sie ihren Job. Seitdem bekommt sie pro Monat 430 Euro Arbeitslosengeld, das durch Mietkostenzuschuss aufgestockt wird. Kommt sie mit dem Geld zurecht? „Wie denn? Überhaupt nicht!“, schießt es aus der attraktiven, jungen Frau heraus, der man nicht ansieht, dass sie in finanziell beengten Verhältnissen lebt.  Was es bedeutet, nicht genug Geld zu haben, das spürt sie freilich täglich.

Ein Beispiel: Arbena Furrtar muss es sich genau überlegen, wie oft sie mit ihrer siebenjährigen Tochter ins Freibad gehen kann. Der Eintritt kostet 4.50 Euro für Erwachsene und 2.50 Euro für Kinder. Wenn dann noch eine Tüte Pommes Frites dazu kommt, ist sie bereits bei zehn Euro. Das ist zu viel, als dass sie so oft ins Freibad gehen können, wie es sich die Tochter wünscht.

Anderes Beispiel: der Siebenjährigen musste ein Zahn gezogen werden. Davor hatte sie Angst. Der Zahn-Arzt meinte, wenn sie tapfer sei, bekomme sie von der Zahn-Fee ein Geschenk. Doch am nächsten Morgen lag auf ihrem Bett nicht die erwünschte Puppe.  Die Tochter war enttäuscht. Und die Mutter: „Mir war das total peinlich.“ Als sie ihrer Tochter wieder einmal eine Bitte abschlagen musste, weil kein Geld da ist, sagte die Siebenjährige: „Steck doch einfach die Karte da rein und hol Dir Geld!“ Sie meinte den Bankautomaten.

Als Arbena Furrtar noch als Verkäuferin arbeitete, konnte sie nicht die geforderte Flexibilität zeigen.  Für ihre Tochter hatte sie zwar eine Tagesmutter organisiert. Aber oft musste sie bis 22.00 Uhr arbeiten oder schon um 5.30 Uhr morgens beginnen. Mit der Betreuung ihrer Tochter wurde es erst leichter, als sie für weniger Geld halbtags arbeitete. Um wieder eine neue Arbeit zu finden, setzt Arbena Furrtar nicht auf Angebote der Arbeitsvermittler. Sie schaut selbst nach Stellenanzeigen, will aber nur solche Jobs annehmen, bei denen die Betreuung ihrer Tochter gesichert ist.

Auf das Job-Center ist Arbena Furrtar nicht gut zu sprechen. Sie wurde auf einen Lehrgang für Alleinerziehende geschickt, bei der vor allem Bewerbungsschreiben trainiert werden sollten. Unter den sechs Teilnehmerinnen war sie die einzige, die deutsch sprach. „Es war eher ein Deutsch-Grundkurs. Was sollte ich da!?“ klagt die 26jährige. Sie blieb weg und ihr wurde prompt der Mietzuschuss um 30 Prozent gekürzt. Das begründet das Job-Center mit dem Hinweis, dass sie sich weigere, die – so wörtlich - „in der Eingliederungsmaßnahme festgelegten Pflichten zu erfüllen, insbesondere in ausreichendem Maße Eigenbemühungen nachzuweisen“.

Ein wenig Geld könnte sie sparen, wenn sie nicht jedes Jahr ihre Aufenthaltsberechtigung erneuern müsste. Das kostet jeweils über 20 Euro. Als sie 18 war, bekam sie eine Abschiebungsverfügung. Sie durfte nur bleiben, weil sie schwanger wurde und der Vater ihres Kindes ein Deutscher ist. „Wenn die mir wenigsten eine Aufenthaltsgenehmigung geben könnten, bis meine Tochter 18 ist. Dann wäre schon viel gewonnen“, meint Arbena Furrtar

Die 26jährige will nicht, dass ihre Arbeitslosigkeit und ihre finanziellen Verhältnisse bekannt werden. Schämt sie sich? „Das kann man so nicht sagen. Aber ich gehe alle 14 Tage, wenn meine Tochter bei der Oma ist, gern aus. Ich bin ein richtiger Party-Mensch. Aber bei den Partys vermutlich die einzige mit so wenig Geld. Das müssen die anderen nicht wissen. Besonders die Männer nicht!“

*Name auf Wunsch der Betroffenen geändert


Text: bet