12.10.2010 "Es gibt Tage, wo ich richtig einknicke" - Porträt eines Arbeitslosen


Je länger es dauert, desto schwerer lastet es auf ihn. Seit über zwei Jahren sucht Reinhard Kroner nach Arbeit. Seine Bewerbungen füllen einen ganzen Aktenordner. Er bekam eine Absage nach der anderen.

„Vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Unternehmen. Leider müssen wir ihnen mitteilen, dass wir uns für einen anderen Bewerber entschieden haben.“ So oder ähnlich lauten die Standardabsagen, die Reinhard Kroner jedes Mal wieder einen Stich versetzen.  „Es tut weh, wenn jemand über mich urteilt, ohne mich gesehen und mit mir gesprochen zu haben“. Dass er zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wird, ist eher die Ausnahme. Ein konkreter Grund für die Ablehnung wird ihm nicht mitgeteilt. Reinhard Kroner hat keinen Beweis, aber eine Vermutung: sein Alter. Der gelernte Maschinenbauschlosser ist 54 Jahre alt.

Reinhard Kroner stammt aus Ober-Schlesien. Er kam 1988 von Polen nach Deutschland. Heute lebt mit seiner Frau in Weschnitz - einem Ortsteil von Fürth im Kreis Bergstraße. Seine beiden erwachsenen Söhne sind aus dem Haus. Sie haben Abitur gemacht und stehen inzwischen auf eigenen Füßen. Trotz seiner Langzeitarbeitslosigkeit ist Reinhard Kroner kein Hartz-IV-Bezieher, weil seine Frau berufstätig ist und die Familie damit über ein entsprechendes Einkommen verfügt, das zur Sicherung des Lebensunterhalts reicht.  Damit kann er sich nur schwer abfinden. „Ich gebe keinen Cent und sitze meiner Frau auf der Tasche. Es gibt Tage, wo ich richtig einknicke. In mir steckt immer noch der Ober-Schlesier. Das sind stolze Menschen und Arbeit ist für sie das Wichtigste.“

Seit einiger Zeit besucht Reinhard Kromer den Arbeitslosentreff Kompass im benachbarten Wald-Michelbach -  eine ökumenische Einrichtung der evangelischen und katholischen Kirche. „Der Kompass  ist für mich wie ein Fünfer im Lotto. Ich habe prima Leute kennengelernt und Kontakte zur Diakonie bekommen“. Ein  ehrenamtlicher Mitarbeiter der Diakonie unterstützt ihn bei der Sichtung von Stellenangeboten, bei Bewerbungsschreiben,  er gibt Tipps und fragt bei den Unternehmen auch hartnäckig nach dem Grund, wenn Reinhard Kroner wieder einmal eine Absage bekommen hat. Antworten, die über die Standardbegründungen hinausgehen, bekommt er freilich auch nicht.

Reinhard Kroner ist kein Typ, der sich hängen lässt. „Langeweile habe ich nicht“. Er ist Hobby-Bastler, er macht Ausflüge mit dem Fahrrad, er forscht  in der Familiengeschichte und er liest gern. „Wir kaufen regelmäßig Bücher. Da stecke ich nicht zurück. Das wäre für mich kulturell der Abstieg“. Gespart wird woanders – beim Auto zum Beispiel. „Unser Auto ist zwölf Jahre alt. Ich hoffe, dass es weiter durchhält“.
Das Job-Center hat ihn verpflichtet, drei Bewerbungen pro Woche zu schreiben. Reinhard Kroner ist dem bislang nachgekommen. Alle Bewerbungen und alle Absagen hat er fein säuberlich abgeheftet. In den Urlaub zu fahren, traut er sich nicht. Es könnte ja eine Zusage kommen. „Ich mache alles, was ich kriegen kann“. Gefordert wird er. Wird er auch gefördert? Die Unterstützung des Job-Centers bei der Job-Suche ist überschaubar. In zwei Jahren hatte es ihm drei Stellenangebote übermittelt. Eines davon im Allgäu.

Und was passiert, wenn Reinhard Kroner die Auflage, sich dreimal pro Woche zu bewerben, nicht einhält. Der 54jährige zuckt mit den Achseln. „Hartz-IV bekomme ich ohnehin nicht. Dann könnten sie mir höchstens den Zuschuss zur Rentenversicherung streichen. Und in der Statistik gebe es einen Arbeitssuchenden weniger.“ Doch die Statistik spiegelt nicht immer das wirkliche Leben wieder. Auch wenn er aus der Statik verschwindet, verschwindet nicht der Arbeitslose.  Reinhard Kroner sucht weiter nach Arbeit. '

Hinweis:
Die Ausstellung mit den Bildern des Künstlers Udo Marker und den Textporträts von Menschen aus der Region Bergstraße, die in Armut leben oder von Armut bedroht sind, wird am Mittwoch, 13. Oktober um 19.00 Uhr im Haus der Kirche eröffnet. Der Eintritt ist frei.
Die Ausstellung steht im Zusammenhang mit der Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung, die das Evangelische Dekanat gemeinsam mit den katholischen Dekanaten Bergstraße veröffentlicht hatte.  Diese Erklärung wird am kommenden Freitag, 15. Oktober  mit den Bergsträßer Bundestagsagegeordneten diskutiert. Die Veranstaltung findet in den Räumlichkeiten der Tafel in Rimbach, Schlossstraße 52a statt. Beginn ist 19.00 Uhr.

 

Foto: Ein Porträtfoto lehnte Reinhard Kroner ab. Auf dem Foto blättert er die Absagen auf seine Bewerbungen durch, die inzwischen ganze Ordner füllen.
Text u. Foto: bet