08.10.10 „Ich koche nach den Sonderangeboten“ - Porträt einer Mini-Jobberin


Arbeit geht sie nicht aus dem Weg. Und vor Arbeit kann sie sich manchmal gar nicht retten. Doch Arbeit, von der sie und ihre Familie leben können, ohne dass mit spitzem Bleibstift gerechnet werden muss, hat Ellen Kollmann* nicht.

Die 42jährige lebt mit ihrem Mann und ihrer 15jährigen Tochter in Gorxheimertal. Sie hat einen 400-Euro-Job und betreut alte und behinderte Menschen. Hinzu kommen zwei, manchmal drei Nebenjobs als Putzfrau, Haushaltshilfe oder als Gärtnerin. Zusammen kommt sie damit auf durchschnittlich 650 Euro pro Monat  - manchmal etwas mehr, manchmal weniger. „Ich bin nicht wählerisch. Ich nehme die Arbeit, die ich bekommen kann“, sagt die gelernte Zahnarzthelferin, die zuletzt als kaufmännische Angestellte tätig war. Auch ihr Mann ist berufstätig. Als einfacher Arbeiter ist sein Lohn nicht nur sehr gering. Er wird auch gepfändet. Das Wagnis Selbstständigkeit hatte ihn in die Insolvenz geführt. Geblieben sind ihm ein Haufen Schulden, die nach und nach abgetragen werden müssen.

Geld ist knapp und deshalb in der Familie ständiges Gesprächsthema „Ich koche nicht das, worauf wir Appetit haben. Ich koche streng nach den jeweiligen Sonderangeboten“, sagt Ellen Kollmann, die vor anderthalb Jahren arbeitslos wurde. Auf Arbeitslosengeld II hat sie keinen Anspruch, weil das Einkommen der Familie über dem Mindestbetrag liegt. Die ständige Sorge, ob das Geld auch reicht, drückt aufs Gemüt. „Meine Tochter behält ihre Wünsche für sich und versucht, sich zu arrangieren“, sagt Ellen Kollmann, die ihre Tochter dafür lobt, wie verantwortungsvoll sie mit der Situation umgeht. Manchmal gelingt ihr eine Überraschung. Zum 15. Geburtstag fuhr sie mit ihrer Tochter in den Holiday-Park nach Haßloch in der Pfalz. Als Geburtstagskind kam sie umsonst herein. Sie durfte sogar eine Freundin mitnehmen. Den Freizeitpark besuchten sie aber erst nach 14.00 Uhr. Da ist der Eintritt um acht Euro billiger.

An Urlaub oder überhaupt einfach mal raus und wegfahren ist nicht zu denken. „Wenn ich Urlaub mache, verdiene ich erstens kein Geld und zweitens würde ich zusätzliches Geld ausgeben. Das können wir uns wirklich nicht leisten.“ Ellen Kollmann ist eine offene, kontakt- und kommunikationsfreudige Frau, die gern lacht. Doch in dem Gespräch über ihre Situation und ihre Zukunftsperspektiven kann sie plötzlich die Tränen nicht zurückhalten. Seit anderthalb Jahren ist sie ohne festen Job. „Je länger ich arbeitslos bin, desto schwieriger wird es“, befürchtet sie. Der Druck, endlich wieder Arbeit zu finden. werde immer größer. Sie sei auch bereit, statt im kaufmännischen Bereich wieder als Zahnarzthelferin zu arbeiten und dafür ein deutlich geringeres Gehalt in Kauf zu nehmen. Voraussetzung dafür ist aber unter anderem, dass sie den Röntgenschein erneuert. Das kostet 450 Euro, fast so viel wie Ellen Kollmann in einem Monat verdient. Das zuständige Job-Center in Mörlenbach hat die Kostenübernahme abgelehnt. „Vom Staat fühle ich mich im Stich gelassen“, sagt die 42jährige.  

Vom Job-Center hatte sie bislang nur zwei Angebote bekommen. Sie selbst hat viele Initiativbewerbungen geschrieben und sich auf Stellenanzeigen beworben. Bei  den Bewerbungsgesprächen war sie oft in der engeren Wahl. Der Arbeitgeber entschied sich dann aber anders.  Das Gerede vom Konjunkturaufschwung geht Ellen Kollmann mehr und mehr auf die Nerven. „Ich kann doch nicht vom wirtschaftlichen Aufschwung reden, wenn sich 250 Leute auf eine Stelle bewerben“.

Das Job-Center hatte sie zu einem zweiwöchigen Lehrgang geschickt, bei dem festgestellt werden sollte, ob sie für den kaufmännischen Bereich überhaupt noch geeignet sei. Sie und die anderen Teilnehmer wurden in Mathematik, Deutsch, Buchhaltung, Geschichte und Allgemeinwissen getestet. Am Ende beantwortete sie von 120 Fragen 96,4 Prozent korrekt und schnitt von allen am besten ab. „Ich bin doch wer und ich kann doch was“, sagt Ellen Kollmann.

 

*Name auf Wunsch der Betroffenen geändert


 

 

Text u. Foto: bet