09.04.10 "Dem Rad in die Speichen fallen" - Heute vor 65 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer hingerichtet


Am frühen Morgen des 9. April 1945 ist der Gefängnishof des Konzentrationslagers Flossenbürg bei Regensburg schon hell erleuchtet. Sieben Nazi-Gegner werden aus ihren Zellen geführt. Unter ihnen ist auch ein evangelischer Pastor: Dietrich Bonhoeffer. Die Gefangenen hören, was ein SS-Gericht in der Nacht beschlossen hat: Todesurteil wegen Hochverrats. Bonhoeffer kann noch kurz beten. Dann muss er seine Kleider ablegen und die Treppe zum Galgen besteigen. „Ich habe kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen“, soll der Lagerarzt später notiert haben.

Bonhoeffer wurde nur 39 Jahre alt. Und doch hat kaum ein evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts so tief in Kirche und Gesellschaft hinein gewirkt wie er. Straßen und Schulen, Kirchen und Gemeindehäuser tragen heute seinen Namen. Ein Kino-Film erzählt seine Geschichte, „Bonhoeffer - Die letzte Stufe“ mit Ulrich Tukur (1999). Sein leidenschaftlicher Protest gegen die Nationalsozialisten, seine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler, seine Bücher und sein Märtyrertod vor 65 Jahren finden weit über die deutschen Grenzen hinaus Beachtung. Der Bonhoeffer-Experte und frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, bezeichnete ihn als Vorbild im Glauben und in diesem Sinne als „evangelischen Heiligen“.

Bonhoeffer wurde 1906 als Sohn eines Psychiatrie-Professors in Breslau geboren und wuchs mit sieben Geschwistern im Berliner Villen-Stadtteil Grunewald auf. Ungewöhnlich schnell kam er an der Berliner Universität voran. Mit 21 Jahren war er promoviert, mit 24 habilitiert, mit 25 Privatdozent. Einer seiner Schüler, der 2007 im Alter von 95 Jahren gestorbene Wolf-Dieter Zimmermann, schilderte ihn als intellektuellen Charakter: „Er hatte eine klare und präzise Art, sich auszudrücken.“ Seine großbürgerliche Herkunft prägte ihn tief: „Er hat sich nur mit wenigen geduzt“, erinnerte sich Zimmermann, der auch eine Biografie über ihn schrieb. Bonhoeffer wirkte kräftig und energiegeladen: „Jeden von uns hat er im Tischtennis geschlagen.“ Bei starker Anspannung rauchte er viele Zigaretten.

Während eines Studienjahres in New York erlebt er hautnah die Rassentrennung, als ein schwarzer Freund und er in getrennten Straßenbahnwagen fahren müssen. 1932 macht er eine Entdeckung mit Folgen: Bonhoeffer beschäftigt sich mit der biblischen Bergpredigt, die ihn stark anspricht. Er wagt den Sprung vom intellektuellen Glauben zur praktischen Anwendung. Bonhoeffer will nun ein Leben in der Nachfolge Jesu führen und macht sich pazifistische Ideen zu eigen.

In den Nazis sieht er eine Gefahr für Deutschland. Bereits zwei Tage nach Hitlers Machtübernahme 1933 warnt er in einer Rundfunk-Rede davor, dass der „Führer“ zum „Verführer“ werden könne. Im April 1933 erwägt er unter dem Eindruck der Judenverfolgung die Möglichkeit, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“. Doch nur wenige folgen ihm in dieser Einschätzung.

Zermürbt von den Auseinandersetzungen in Deutschland geht Bonhoeffer als Auslandspfarrer nach London. 1935 kehrt er zurück und übernimmt ein Predigerseminar der regimekritischen „Bekennenden Kirche“ in Pommern. Durch seinen Schwager Hans von Dohnanyi, den Vater des späteren Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi, erfährt er 1938 von Hitlers Kriegsplänen und zugleich von Plänen für einen Staatsstreich, die am 20. Juli 1944 schließlich umgesetzt werden sollten.

1939 reist Bonhoeffer zu Vorträgen in die USA, wo ihm Freunde eine Lehrtätigkeit vermitteln wollen. Doch schon bald kehrt er zurück: „Ich muss diese schwierige Periode unserer Geschichte mit den Christen in Deutschland durchleben.“ Für Bonhoeffer beginnt nun ein riskantes Doppelleben: 1940 lässt er sich vom deutschen militärischen Geheimdienst anwerben, wo sein Schwager und andere insgeheim für den Widerstand arbeiten. Offiziell ist er nun Agent der Spionage-Abwehr. Tatsächlich aber weiht er im Ausland kirchliche Mittelsmänner in die Putschpläne gegen Hitler ein.

Mitten in den Kriegswirren verlobt sich Bonhoeffer 1943 mit der 18-jährigen Maria von Wedemeyer. Doch schon am 5. April wird er verhaftet. Seine Braut kann ihn nur in großen Abständen im Gefängnis besuchen. In seiner Zelle in Berlin schreibt Bonhoeffer jene Briefe an seine Familie und an einen Freund, die später unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ berühmt werden. Darunter ist auch sein Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“.

Als das Attentat des 20. Juli 1944 scheitert, wird das ganze Ausmaß der Verschwörung deutlich, an der Bonhoeffer, sein Bruder Klaus und sein Schwager von Dohnanyi beteiligt sind. Im April 1945, alliierte Truppen rücken schon heran, bringen die Nazis den Pastor ins KZ Flossenbürg. Hitler hat schon die Hinrichtung aller noch lebenden „Verschwörer“ angeordnet. Von einem Mitgefangenen soll sich Bonhoeffer mit den Worten verabschiedet haben: „Das ist das Ende - für mich der Beginn des Lebens.“

 

Text: Michael Grau (epd)