03.04.10 "Hoffnung auf ein neues Leben" -Osterbesinnung des Kirchenpräsidenten


Hoffnung haben wir bitter nötig. Echte Hoffnung, die über unsichere Zeiten und Sorgen hinüber trägt. Ostern ist das Fest der Hoffnung. Gefeiert wird, dass Gott aus dem vergehenden alten Leben neues Leben hervorbringen kann. Das zeigt Gott in Jesus Christus, der sich und sein Leben hingibt, am Kreuz stirbt und dann vom Tod auferweckt wird.

Davon erzählen die Ostergeschichten in der Bibel. Am Ostermorgen gehen Frauen zum Grab Jesu. Sie finden es leer vor. Später offenbart sich ihnen der auferstandene Jesus. Und sie erkennen: Gott hat neues Leben geschenkt. Natürlich: Die Geschichte ist nicht nur Ausdruck größter Hoffnung, sondern zugleich auch größter Zumutung des Glaubens. Von Anfang an haben Menschen das staunend und zweifelnd zur Kenntnis genommen und sich gefragt: Kann das sein? Und wie kann das sein? Sie haben gemutmaßt: Vielleicht ein Irrtum? Vielleicht ein Scheintod? Vielleicht ein Betrug? Umfragen zufolge glauben heute viele nicht mehr an die Auferstehung der Toten. Aber dann, wenn es hart auf hart kommt, haben viele auch andere Gedanken. Oft keimt gerade dann die Hoffnung neu auf, dass es mehr gibt als den Tod.

Ich denke, dass wir Menschen gar nicht anders können. Ohne Hoffnung können wir nicht gut leben. Hoffnung in den Krisensituationen unseres Lebens, Hoffnung auch und gerade an der Grenze des Lebens – Hoffnung im Sterben. Deshalb sagen viele: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“
Aber ist das nicht nur eine Illusion, eine Selbsttäuschung? Was ist, wenn alles zu Ende zu sein scheint? Wenn alle Argumente gesagt sind, wenn alle Maßnahmen getroffen sind, und das alles nichts genutzt hat? Stirbt dann mit der letzten Hoffnung auch alles andere?
Die Osterbotschaft sagt etwas anderes: Es gibt Hoffnung, die über das Sterben, über den Tod hinausreicht. Dafür steht Jesus Christus mit seiner Einladung, auf seine Nähe und Gegenwart zu vertrauen und damit neues Leben zu erfahren.

Wie, wann, und wo beginnt dieses neue Leben? Jedenfalls nicht nur nach dem Tod. Gott schenkt dieses Leben auch schon mitten unter uns. Diese Hoffnung können wir nicht beweisen, wir können ihr nur im Glauben näher kommen und ihre Bilder zu uns sprechen lassen.

Ein solches Hoffnungsbild ist in der Bibel das Weizenkorn. Es platzt auf, es wächst hoch, es verwandelt sich in Ähren, es stirbt ab und es geht in vielfaches neues Leben über. Davon handelt das Lied Nummer 579 aus dem Evangelischen Gesangbuch:

Das Weizenkorn muss sterben
Sonst bleibt es ja allein.
Der eine lebt vom andern,
für sich kann keiner sein.
Geheimnis des Glaubens:
Im Tod ist das Leben

Der Text stammt von dem in Frankfurt lebendenden katholischen Theologen Lothar Zenetti. Mit dem Bild vom Weizenkorn entfaltet Zenetti behutsam ein Bild der christlichen Lebenshoffnung. Damit beschreibt er die Auferstehung wie eine Neuschöpfung. Das Leben kehrt nicht in die alten Bahnen zurück. Es wandelt sich in ein neues Leben.

Ostern ist also das Fest der Hoffnung, dass Gott aus dem vergehenden alten Leben neues Leben hervorbringen kann. Diese Hoffnung kann Kraft geben, und zwar nicht erst am Ende des Lebens, wenn es ans Sterben geht. Gerade das Bild des Weizenkorns regt dazu an, auf Gottes schöpferische Kraft mitten in diesem Leben zu vertrauen. Nötig haben wir diese Kraft alle. Wohl jedem kommt dabei etwas in den Sinn, was gerade „abgestorben“ ist. Hier und da ist auch Neues gewachsen. Und ganz gewiss ist die Sehnsucht danach da, dass Gutes wächst, auch da, wo es im Moment nicht erkennbar ist. Wir brauchen hoffnungsvolle Perspektiven für uns und für die Generationen nach uns.

Ostern – Verwandlung des Lebens – diese Hoffnung beschränkte sich noch nie auf das Jenseits im Irgendwann. Sie war immer auch die Quelle für das Ringen um ein anderes Leben hier und jetzt. Geheimnis des Glaubens: Im Tod ist das Leben.

Pfarrer Dr. Volker Jung
Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN
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