Mehr Mut und Phantasie für Gerechtigkeit

Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung


 Motiv Worte - (c) Deutscher Caritasverband
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13. November 2010
„Armen Menschen Stimme und Stütze sein“ – das ist nach den Worten von Präses Axel Rothermel das erkläre Ziel des Evangelischen Dekanats Bergstraße. Auf der Tagung der Dekanatssynode in Lorsch, dem „regionalen Kirchenparlament“,  legte er den Rechenschaftsbericht über die Aktivitäten in den vergangenen sechs Monaten vor.

Als Arbeitsschwerpunkt bezeichnet der Präses die Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung, mit der das Evangelische Dekanat gemeinsam mit den Katholischen Dekanaten Bergstraße öffentlich Stellung bezogen hat. „Wir wollen mit unserem Aufruf die Christen in unserer Gesellschaft aufwecken und aufschrecken. In der Sozialgesetzgebung liegt unserer Meinung nach eine große Fehlentwicklung vor“, so Axel Rothermel. In der Heppenheimer Erklärung heißt es unter anderem: „Wir treten dafür ein, dass jeder Mensch in Würde leben und unabhängig vom Einkommen in vollem Umfang am gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben teilhaben kann.“

 

 




04. November 2010

„Eine gesellschaftlich engagierte Kirche kennt eine klare Option für Menschen, die keine Stimme und keine Lobby haben“, sagte Oberkirchenrat Christian Schwindt, neuer Leiter des Zentrums Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau,  gestern in seinem Vortrag „Soziale Gerechtigkeit als Auftrag einer engagierten evangelischen Kirche“.

Im Haus der Kirche hatte sich im Rahmen des Begleitprogramms zur Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung eine kleine, aber interessierte Runde eingefunden.

Das sich die evangelische Kirche überhaupt mit Fragen der Gesellschaftlichen Verantwortung beschäftigt, hat mit dem Selbstverständnis der Kirche zu tun. In der Nachfolge Jesu existiert die Kirche nicht für sich selbst, und sie darf sich auch nicht nur mit sich selbst beschäftigen. Sie hat eine Sendung für alle Menschen und alle Völker, die in Gott selbst begründet liegt. Die Kirche vollzieht ihre Sendung dabei in doppelter Weise: zum einen durch lobendes und dankendes Handeln in Gottesdiensten, Andachten und liturgischen Zusammenhängen. Sie widerspricht damit dem Missbrauch des Gottes-Namens in der Welt, wenn etwa Geld, Macht oder Idole zu Ersatzgöttern und damit „Schein-Riesen“ der Orientierung gemacht werden. Zum andern vollzieht sich die Sendung der „Gemeinschaft der Gläubigen“ durch konkretes gesellschaftliches Engagement: sozial-ethische Reflexion, politischer – nicht parteipolitischer Einsatz und Handel in Seelsorge, Diakonie und Bildungsarbeit.


Wenngleich der Begriff „Soziale Gerechtigkeit“ in der Bibel nicht vorkommt, so Pfarrer Schwindt, ist er der Sache nach vielfältig präsent. Nach biblischem Verständnis sind alle geschaffenen Glieder einer Gesellschaft aufgefordert an der Gestaltung von gerechten Beziehungen und Verhältnissen teilzuhaben. Allen muss es möglich sein, ihren eigenen Gemeinwohlbeitrag zu leisten. Die Suche nach Gerechtigkeit muss aber dann eine Bewegung zu denjenigen sein, die als Arme und Machtlose am Rande des sozialen und wirtschaftlichen Lebens existieren und ihre Teilhabe und Teilnahme an der Gesellschaft nicht aus eigener Kraft verbessern können. Soziale Gerechtigkeit hat insofern den Charakter der Parteinahme für alle, die auf Unterstützung und Beistand angewiesen sind.

Noch bis zum ersten Advent ist die Bilderausstellung des Künstlers „Saase“ aus Gorxheimertal im Haus der Kirche zu sehen. Die Ausstellung gehört zum Begleitprogramm der Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung und ist werktags von 8 bis 17 Uhr im Haus der Kirche, Ludwigstraße 13, geöffnet.

 

 

23. Oktober 2010
Begleitend zur Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung hat das Evangelische Dekanat Menschen aus der Region Bergstraße porträtiert, die von Armut bedroht sind oder in Armut leben. Die Porträts sind in der noch bis Ende November laufenden Ausstellung zur Heppenheimer Erklärung im Haus der Kirche (Heppenheim, Ludwigstr. 13) zu sehen. Zum Herunterladen der einzelnen Texte klicken sie bitte auf die jeweilige Überschrift.

"Ich koche nach den Sonderangeboten“ - Porträt einer Mini-Jobberin

"Es gibt Tage, wo ich richtig einknicke" - Porträt eines Arbeitslosen

"Steck doch die Karte da rein und hol Dir Geld" - Porträt einer Alleinerziehenden

"Ohne die Tafel könnte ich nicht leben" - Porträt einer Rentnerin

"Nur zu Hause sitzen halte ich nicht aus" - Porträt eines Langzeitarbeitslosen

"Ich gucke halt, dass ich das Billigste bekomme" - Porträt einer Frau, die von Hartz-IV lebt

 

20. Oktober 2010
Die Berichterstattung über die Diskussionsveranstaltung mit den Bergsträßer Bundestagsabgeordneten in der Rimbacher Tafel nimmt in den regionalen Zeitungen einen breiten Raum ein. In unserer Presseschau finden sich die wichtigsten Passagen zum Nachlesen.

Das Starkenburger Echo widmet der Berichterstattung über die Diskussion mit den Bergsträßer Bundestagsabgeordneten Christine Lambrecht und Dr. Michael Meister (CDU) fast eine ganze Seite. Die Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzungbezeichnet die Zeitung als „sozialpolitisches Manifest“, das „für Aufsehen in Politik und Gesellschaft“ sorgt. Weiter schreibt das Echo:
„Christine Lambrecht forderte, die Debatte nicht nur auf die Anhebung von Leistungen zu konzentrieren, sondern den Betroffenen für sie greifbare Wege aus der Armut zu eröffnen. »Kinder haben das Recht auf gleiche Chancen, und zwar unabhängig von ihrer sozialen und ethnischen Herkunft«, sagte die SPD-Politikerin. Ein Skandal sei es, dass die Zahl der Arbeitnehmer, die zusätzliche Sozialleistungen in Anspruch nehmen müssten, in den vergangenen Jahren auf 1,4 Millionen Menschen angestiegen sei. Lambrecht forderte erneut die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, um dem Problem der »Aufstocker« wirksam begegnen zu können.
Einen schweren Stand in der Diskussion hatte Michael Meister (CDU) als Vertreter der amtierenden Regierungskoalition. Immer wieder wurde der Unionspolitiker und Katholik aus dem Publikum mit der Frage nach dem Einklang christlicher Werte mit der Politik in Berlin konfrontiert. Meister machte deutlich, dass er als Anhänger der katholischen Soziallehre die Chancen des Einzelnen zu einem selbstverantwortlichen Leben in den Fokus stelle: »Wo das nicht möglich ist, muss die Gesellschaft eingreifen und als Letztes der Staat.“

Eine Korrektur:  Dr. Michael Meister hatte sich bei der Veranstaltung in Rimbach als Anhänger der katholischen Sozialehre bezeichnet. Er selbst gehört aber nicht der katholischen, sondern der evangelischen Kirche an.

Unter der Überschrift „ „Gegen Armut und Ausgrenzung“ schreibt die Odenwälder Zeitung:
In mehreren Redebeiträgen wurde an die Politik appelliert, Menschen in Armut mit Würde zu behandeln und dabei auch auf die Sprache und die Wirkung zu achten. Bei der neuen Berechnungsgrundlage für die Hartz-IV-Sätze soll z.B der bisherige monatliche Betrag für Alkohol gestrichen werden. Da werde der Eindruck erweckt und das Vorurteil bedient, Hartz-IV-Bezieher zeichneten sich allgemein durch übermäßigen Alkoholkonsum aus, meinte Ursula Thiels vom Diakonischen Werk und fragte: ‚Wie wirkt das auf die Betroffenen?‘ Unter lautstarkem Beifall des Publikums betonte sie: ‚Ab und an ein Bierchen gehört für mich zur Würde!‘“

„Die Würde wahren“ titelt die Bürstädter Zeitung und schreibt:
„In der Heppenheimer Erklärung wird kritisiert, dass Besserverdienende, die nach der Geburt ihres Kindes zu Hause bleiben, weiter den Höchstbetrag des Elterngeldes bekommen, während einer allein erziehenden Frau, die von Hartz-IV lebt, eine entsprechende Unterstützung ersatzlos gestrichen werden soll. Dr. Michael Meister verteidigte die Streichung, weil das Elterngeld eine Lohnersatzleistung sei, also für berufstätige Menschen gedacht ist, die nach der Geburt ihres Kindes zu Hause bleiben. Dem widersprach Christine Lambrecht vehement. Das Elterngeld ist nach Überzeugung der SPD-Abgeordneten ein Familienförderungsinstrument, das auch Hartz-IV-Beziehern zustehe.“

„Gemeinsam gegen Armut und Ausgrenzung“ heißt es in der Lampertheimer Zeitung. Das Blatt betont:
„In der  Heppenheimer Erklärung wird die rasante  Zunahme der Tafeln kritisiert. Allein im Landkreis Bergstraße gibt es an den Standorten Bensheim, Bürstadt, Lampertheim, Rimbach und Viernheim inzwischen fünf. Christine Lambrecht räumte ein: „Dass so viele Tafeln entstanden sind, ist ein Versagen der Politik.“ Dagegen bezeichnete es Dr. Michael Meister als falsch, immer gleich nach dem Staat zu rufen. „Der Nächste, die Gemeinschaft müsse Hilfe leisten, wenn jemand allein ein Problem nicht lösen kann“. Dieses Prinzip werde bei den Tafeln umgesetzt.“

"Kontroverse Debatte über Armut" titelt der Bergsträßer Anzeiger und schreibt:
"Diskussionsteilnehmer forderten die Politiker zudem auf, bei den Mieten von Leistungsempfängern  die so genannte Angemessenheitsgrenze an die Realität anzupassen. Bei den geltenden Mietobergrenzen seien in der Region Bergstraße keine Wohnungen zu finden. Ähnliches gelte für die Fahrtkosten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die sich arme Menschen einfach nicht leisten könnten und dadurch von gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe ausgeschlossen seien. Franz Beiwinkel vom DGB Kreisverband Bergstraße erinnerte daran, dass das größte Armutsrisiko der Mangel an Arbeitsplätzen sei. Auf eine Stelle kämen durchschnittlich sieben Bewerber."

 

16. Oktober 2010
Eine kontroverse Debatte mit engagierten Redebeiträgen auch aus dem Publikum gab es um die Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung, mit der das Evangelische und die Katholische Dekanate Bergstraße gemeinsam öffentlich Stellung bezogen hatten. Zur Diskussion waren die beiden Bergsträßer Bundestagsabgeordneten Christine Lambrecht (SPD) und Dr. Michael Meister (CDU) in den mit über 50 Personen überfüllten Verkaufsraum der Tafel in Rimbach gekommen.

Beide Politiker würdigten die Heppenheimer Erklärung als wichtigen Beitrag in der laufenden Debatte über Armut und Gerechtigkeit und unterstützten vor allem die Forderung der Bergsträßer Dekanate, „allen Kindern unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern die gleichen Bildungschancen einzuräumen.“ Mit Interesse wurde auch die Bereitschaft nicht nur der SPD-Politikerin, sondern auch des CDU-Abgeordneten  registriert, über eine höhere Besteuerung von Spitzenverdienern nachzudenken. In der vom Präses des Evangelischen Dekanats, Axel Rothermel moderierten Diskussion waren allerdings auch deutliche Differenzen erkennbar.

Beispiel: Tafeln. In der  Heppenheimer Erklärung wird die rasante  Zunahme der Tafeln kritisiert. Allein im Landkreis Bergstraße gibt es an den Standorten Bensheim, Bürstadt, Lampertheim, Rimbach und Viernheim inzwischen fünf. Christine Lambrecht räumte ein: „Dass so viele Tafeln entstanden sind, ist ein Versagen der Politik.“ Dagegen bezeichnete es Dr. Michael Meister als falsch, immer gleich nach dem Staat zu rufen. „Der Nächste, die Gemeinschaft müsse Hilfe leisten, wenn jemand allein ein Problem nicht lösen kann“. Dieses Prinzip werde bei den Tafeln umgesetzt.

Ursula Thiels vom Diakonischen Werk Bergstraße sagte, dass für die Betroffenen die Tafel zwar eine Entlastung bedeuteten, der Einkauf in der Tafel aber von vielen als „diskriminierend und verletzend“ empfunden werde. Auf die Scham von Menschen in Armut machten auch mehrere ehrenamtliche Helfer der Tafel mit persönlichen wie fachkundigen Redebeiträgen aufmerksam.

Für eine lebhafte Debatte sorgten auch die Pläne für das Elterngeld. In der Heppenheimer Erklärung wird kritisiert, dass Besserverdienende, die nach der Geburt ihres Kindes zu Hause bleiben, weiter den Höchstbetrag des Elterngeldes bekommen, während einer allein erziehenden Frau, die von Hartz-IV lebt, eine entsprechende Unterstützung ersatzlos gestrichen werden soll. Dr. Michael Meister verteidigte die Streichung, weil das Elterngeld eine Lohnersatzleistung sei, also für berufstätige Menschen gedacht ist, die nach der Geburt ihres Kindes zu Hause bleiben. Dem widersprach Christine Lambrecht vehement. Das Elterngeld ist nach Überzeugung der SPD-Abgeordneten ein Familienförderungsinstrument, das auch Hartz-IV-Beziehern zustehe.

Dass mit der geplanten Streichung des Elterngeldes bei Hartz-IV-Beziehern der Eindruck entstehen könne, ihr Kind sei im Grunde nicht willkommen und der Gesellschaft nichts wert, wurde aus den Reihen der Zuhörer kritisiert. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Tafel meinte: „Das ist Hohn gegenüber den Betroffenen“.  In mehreren Redebeiträgen wurde an die Politik appelliert, Menschen in Armut mit Würde zu behandeln und dabei auch auf die Sprache und die Wirkung zu achten. Bei der neuen Berechnungsgrundlage für die Hartz-IV-Sätze soll z.B der bisherige monatliche Betrag für Alkohol gestrichen werden. Da werde der Eindruck erweckt und das Vorurteil bedient, Hartz-IV-Bezieher zeichneten sich allgemein durch übermäßigen Alkoholkonsum aus, meinte Ursula Thiels vom Diakonischen Werk und fragte: „Wie wirkt das auf die Betroffenen?“ Unter lautstarkem Beifall des Publikums betonte sie: „Ab und an ein Bierchen gehört für mich zur Würde!“

Diskussionsteilnehmer forderten die Politiker zudem auf, bei den Mieten von Leistungsempfängern  die so genannte Angemessenheitsgrenze an die Realität anzupassen. Bei den geltenden Mietobergrenzen seien in der Region Bergstraße keine Wohnungen zu finden. Ähnliches gelte für die Fahrtkosten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die sich arme Menschen einfach nicht leisten könnten und dadurch von gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe ausgeschlossen seien. Franz Beiwinkel vom DGB Kreisverband Bergstraße erinnerte daran, dass das größte Armutsrisiko der Mangel an Arbeitsplätzen sei. Auf eine Stelle kämen durchschnittlich sieben Bewerber.

Für die Diskussion der „Heppenheimer Erklärung“ war bewusst der Verkaufsraum der Rimbacher Tafel ausgewählt worden. „Wir wollen die Verbindung von Kirche und Diakonie deutlich machen und sind an einen Ort gegangen, wo uns täglich Armut begegnet“, sagte die Bergsträßer Dekanin Ulrike Scherf. Sie hatte zu Beginn der Veranstaltung gemeinsam mit ihrem katholischen Amtskollegen Hans Georg Geilersdörfer die Heppenheimer Erklärung im Wortlaut verlesen.

 

14. Oktober 2010

„Armut und Gerechtigkeit dürfen keine Randthemen sein, sondern sollen in die Mitte unserer Wahrnehmung gerückt werden“. So beschrieb Pfarrerin Dr. Vera Winkler von Fachstelle Bildung des Evangelischen Dekanats das Ziel einer neuen Ausstellung im Heppenheimer Haus der Kirche. Dort sind ab sofort Bilder des in Gorxheimertal lebenden Künstler Udo Marker zu sehen, der sich unter dem Künstlernamen Saase für soziale Gerechtigkeit engagiert.

Udo Marker stehe in der Tradition der Neuen Sachlichkeit. Er greife soziale Themen auf und stelle sie realitätsnah dar, beschrieb Pfarrerin Dr. Winkler die Bilder des heute 71jährigen Künstlers. Auf einem Bild ist eine ältere Frau zu sehen, die aus einer Dose isst. Bei näherem Hinsehen erkennt der Betrachter eine Dose mit Hundefutter. Realitätsnah oder nicht doch überzogen? „Das habe ich in Mannheim erlebt.  Ein Mann mit einer kümmerlichen Rente hat sich immer wieder Hundefutter gekauft und sich davon ernährt“, sagt Udo Marker, der lange Jahre für die Stadt Mannheim in der Jugend- und Sozialarbeit tätig war. Er räumt ein, dass seine Bilder polarisieren und zum Teil als drastisch wahrgenommen werden.  “Man muss drastisch sein, sonst bewegt man nichts“, so das Credo des Künstlers.

 

 

 


Die Ausstellung steht im Zusammenhang mit der Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung, die das Evangelische Dekanat gemeinsam mit den katholischen Dekanaten Bergstraße veröffentlicht hatte. Darin kritisieren die Kirchen eine soziale Schieflage in der Gesellschaft. Sie sprechen sich dafür aus, dass alle Menschen unabhängig von ihrem Einkommen in vollem Umfang am gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben teilhaben können und fordern, dass beim  Sparen Gerechtigkeit und Menschenwürde nicht auf der Strecke bleiben dürfen.



Die Bilder von Udo Marker werden ergänzt durch aktuelle Porträts von Menschen aus der Region Bergstraße, die von Armut bedroht sind oder in Armut leben. Unter anderem kommt eine 26jährige Arbeitslose aus Heppenheim zu Wort, die als Alleinerziehende mit spitzen Bleistift rechnen muss „“Als ich meine Tochter wieder einmal eine Bitte abschlagen musste, sagte sie: ‚Steck doch die Karte da rein und hol Dir Geld‘. Sie meinte den Bankautomaten“. Eine 56jährige Bensheimerin, die vor zehn Jahren ihren letzten Job gehabt hat, betont: „Ich gehe kaum noch aus der Wohnung. Was soll ich in der Fußgängerzone bummeln, wenn ich ohnehin  nichts kaufen kann.“

Zur Eröffnung der Ausstellung spielte Miguel auf dem Akkordeon. Er stammt aus Bulgarien, lebt seit zweieinhalb Jahren in Deutschland und bestreitet seinen Lebensunterhalt durch Straßenmusik.

Die Ausstellung, die ganz unterschiedliche Facetten von Armut widerspiegelt, ist noch bis Ende November im Heppenheimer Haus der Kirche, Ludwigstraße 13 zu sehen.   Die Heppenheimer Erklärung wird am Freitag, 15. Oktober mit den beiden Bergsträßer Bundestagsabgeordneten Christine Lambrecht (SPD) und Dr. Michael Meister (CDU) diskutiert. Die Veranstaltung im Diakoniezentrum, Rimbach, Schlossstr. 52a ist öffentlich und beginnt um 19.00 Uhr.


12. Oktober 2010
In einer Ausstellung mit sozialkritischen Bildern des  Künstlers Udo Marker im Heppenheimer Haus der Kirche werden ab dem 13. Oktober auch Textporträts von Menschen aus  der Region Bergstraße gezeigt, die langzeitarbeitslos sind und /oder  in Armut leben. Hier das Porträt eines Arbeitslosen aus Fürth-Weschnitz:

"Es gibt Tage, wo ich richtig einknicke"
Je länger es dauert, desto schwerer lastet es auf ihn. Seit über zwei Jahren sucht Reinhard Kroner nach Arbeit. Seine Bewerbungen füllen einen ganzen Aktenordner. Er bekam eine Absage nach der anderen.
„Vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Unternehmen. Leider müssen wir ihnen mitteilen, dass wir uns für einen anderen Bewerber entschieden haben.“ So oder ähnlich lauten die Standardabsagen, die Reinhard Kroner jedes Mal wieder einen Stich versetzen.  „Es tut weh, wenn jemand über mich urteilt, ohne mich gesehen und mit mir gesprochen zu haben“. Dass er zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wird, ist eher die Ausnahme. Ein konkreter Grund für die Ablehnung wird ihm nicht mitgeteilt. Reinhard Kroner hat keinen Beweis, aber eine Vermutung: sein Alter. Der gelernte Maschinenbauschlosser ist 54 Jahre alt.
Reinhard Kroner stammt aus Ober-Schlesien. Er kam 1988 von Polen nach Deutschland. Heute lebt mit seiner Frau in Weschnitz - einem Ortsteil von Fürth im Kreis Bergstraße. Seine beiden erwachsenen Söhne sind aus dem Haus. Sie haben Abitur gemacht und stehen inzwischen auf eigenen Füßen. Trotz seiner Langzeitarbeitslosigkeit ist Reinhard Kroner kein Hartz-IV-Bezieher, weil seine Frau berufstätig ist und die Familie damit über ein entsprechendes Einkommen verfügt, das zur Sicherung des Lebensunterhalts reicht.  Damit kann er sich nur schwer abfinden. „Ich gebe keinen Cent und sitze meiner Frau auf der Tasche. Es gibt Tage, wo ich richtig einknicke. In mir steckt immer noch der Ober-Schlesier. Das sind stolze Menschen und Arbeit ist für sie das Wichtigste.“
Seit einiger Zeit besucht Reinhard Kromer den Arbeitslosentreff Kompass im benachbarten Wald-Michelbach -  eine ökumenische Einrichtung der evangelischen und katholischen Kirche. „Der Kompass  ist für mich wie ein Fünfer im Lotto. Ich habe prima Leute kennengelernt und Kontakte zur Diakonie bekommen“. Ein  ehrenamtlicher Mitarbeiter der Diakonie unterstützt ihn bei der Sichtung von Stellenangeboten, bei Bewerbungsschreiben,  er gibt Tipps und fragt bei den Unternehmen auch hartnäckig nach dem Grund, wenn Reinhard Kroner wieder einmal eine Absage bekommen hat. Antworten, die über die Standardbegründungen hinausgehen, bekommt er freilich auch nicht.
Reinhard Kroner ist kein Typ, der sich hängen lässt. „Langeweile habe ich nicht“. Er ist Hobby-Bastler, er macht Ausflüge mit dem Fahrrad, er forscht  in der Familiengeschichte und er liest gern. „Wir kaufen regelmäßig Bücher. Da stecke ich nicht zurück. Das wäre für mich kulturell der Abstieg“. Gespart wird woanders – beim Auto zum Beispiel. „Unser Auto ist zwölf Jahre alt. Ich hoffe, dass es weiter durchhält“.
Das Job-Center hat ihn verpflichtet, drei Bewerbungen pro Woche zu schreiben. Reinhard Kroner ist dem bislang nachgekommen. Alle Bewerbungen und alle Absagen hat er fein säuberlich abgeheftet. In den Urlaub zu fahren, traut er sich nicht. Es könnte ja eine Zusage kommen. „Ich mache alles, was ich kriegen kann“. Gefordert wird er. Wird er auch gefördert? Die Unterstützung des Job-Centers bei der Job-Suche ist überschaubar. In zwei Jahren hatte es ihm drei Stellenangebote übermittelt. Eines davon im Allgäu.
Und was passiert, wenn Reinhard Kroner die Auflage, sich dreimal pro Woche zu bewerben, nicht einhält. Der 54jährige zuckt mit den Achseln. „Hartz-IV bekomme ich ohnehin nicht. Dann könnten sie mir höchstens den Zuschuss zur Rentenversicherung streichen. Und in der Statistik gebe es einen Arbeitssuchenden weniger.“ Doch die Statistik spiegelt nicht immer das wirkliche Leben wieder. Auch wenn er aus der Statik verschwindet, verschwindet nicht der Arbeitslose.  Reinhard Kroner sucht weiter nach Arbeit.

Foto: Ein Porträtfoto lehnte Reinhard Kroner ab. Auf dem Foto oben blättert er die Absagen auf seine Bewerbungen durch, die inzwischen ganze Ordner füllen.

 

11. Oktober 2010
Das Evangelische Dekanat und die Katholischen Dekanate Bergstraße laden gemeinsam zu einer Veranstaltung mit den Bergsträßer Bundestagsabgeordneten ein. Mit Christine Lambrecht (SPD) und Dr. Michael Meister (CDU)  soll am Freitag, 15. Oktober (Beginn 19.00 Uhr) die Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung diskutiert werden. Darin kritisieren die beiden Kirchen die Zunahme von Armut und fordern von der Politik „mehr Mut und Phantasie für Gerechtigkeit“. Wörtlich heißt es in der Heppenheimer Erklärung: „Wir treten dafür ein, dass jeder Mensch in Würde leben und unabhängig vom Einkommen in vollem Umfang am gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben teilhaben kann.“

Die Veranstaltung (Freitag, 15. Oktober  19.00 Uhr) in den Räumlichkeiten der Tafel im Diakoniezentrum Rimbach, Schlossstraße 52a. „Wir haben bewusst diesen Veranstaltungsort gewählt, weil wir dort täglich mit Armut konfrontiert werden.“ sagte die Bergsträßer Dekanin Ulrike Scherf. „Wir fühlen uns verpflichtet zu handeln. Immer mehr Menschen kommen auf keinen grünen Zweig. Das finden wir nicht in Ordnung", begründete der katholische Dekan Thomas Groß das gemeinsame Engagement der Kirchen. Der Präses des Evangelischen Dekanats Axel Rothermel wird die Veranstaltung moderieren. Er hofft, dass sich auch Menschen, die von Armut oder Arbeitslosigkeit betroffen sind, an der Diskussion mit den Bundestagsabgeordneten beteiligen werden.

Zur Erinnerung: Bereits vor der letzten Bundestagswahl hatte das Evangelische Dekanat das Thema Armut /Hartz-IV gegenüber den Direktkandidatinnen und –Kandidaten des Bergsträßer Wahlkreises angesprochen. Die Frage lautete vor gut einem Jahr:


., In Deutschland gibt es inzwischen über 800 Tafeln, die rund eine Million bedürftige Menschen mit Lebensmitteln versorgen. Ein Viertel davon sind Kinder und Jugendliche. Kritiker nennen die Tafeln einen Skandal, weil sich die Betroffenen ohne sie nicht ausreichend ernähren können. Reichen die Hartz-IV-Sätze nicht aus?


Die Antwort von Dr. Michael Meister (CDU) wurde am 31. August 2009 veröffentlicht:

"Ich bin dagegen, die Hartz-IV-Sätze nach Kassenlage festzusetzen. Dies würde nämlich bedeuten, dass man in wirtschaftlich guten Zeiten die Sätze anhebt und in wirtschaftlich schlechten Zeiten die Sätze entsprechend absenkt. Dies kann keine Lösung sein, zumal dann auch der Willkür Tür und Tor geöffnet wäre. Deswegen halte ich den festgelegten gesetzlichen Mechanismus zur Anpassung der Regelsätze für richtig, gerade auch im Interesse der Menschen, die Hartz-IV-Leistungen erhalten. Es gibt nach dem Mechanismus zwei Möglichkeiten der Anpassung der Regelsätze: Die eine Möglichkeit ist, die Regelsätze auf der Basis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, die periodisch alle fünf Jahre vom Statistischen Bundesamt durchgeführt wird, anzupassen. Wenn sich dabei ergibt, dass die Regelsätze nicht ausreichend sind, dann kommt es zu einer Erhöhung der Regelsätze. In den Jahren dazwischen, in denen keine Einkommens- und Verbrauchsstichprobe durchgeführt und ausgewertet wird, gibt es eine Anpassung analog zu den Renten.

 

 


Die Antwort von Christine Lambrecht (SPD) ebenfalls veröffentlicht am 31. August 2009:

"Die Hartz-IV-Sätze sind sehr knapp bemessen, ohne Frage. Sie bewegen sich in einem Spannungsfeld zu Jobs mit Niedriglöhnen. Das heißt, wer einer Erwerbsarbeit nachgeht sollte am Ende mehr Geld zur Verfügung haben, als jemand, der ausschließlich Arbeitslosengeld II bekommt. Realität ist aber, dass in Deutschland rund 2,5 Millionen Vollzeitbeschäftigte für Löhne arbeiten, die weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens ausmachen. Sie bekommen staatliche Zuschüsse, um überhaupt auf das Niveau von Arbeitslosengeld II zu kommen. Das ist der wesentliche Skandal. Deshalb brauchen wir einen flächendeckenden Mindestlohn, der absichert, dass man von seiner Arbeit menschenwürdig leben kann. Wir wollen, dass die Menschen ihren Lebensunterhalt selbstständig bestreiten können. Unser Ziel ist Vollbeschäftigung. Das heißt im Umkehrschluss, dass wir wollen, dass nur die Menschen auf „Hartz-IV“ angewiesen sein dürfen, die wirklich aus unterschiedlichen Gründen keiner Erwerbstätigkeit nachgehen können. Auch sie müssen von dem Geld nicht nur irgendwie, sondern menschenwürdig leben können. Wir müssen aber vor allem verhindern, dass Menschen nicht arbeiten gehen, weil es sich für sie unter dem Strich - Fahrtkosten etc. einberechnet - nicht nur nicht lohnt, sondern sie dadurch noch schlechter dastehen. Das ist der Teufelskreis, in dem wir uns bei der Bemessung der Regelsätze bei Hartz-IV bewegen. Das heißt, wir brauchen ein höheres Lohnniveau, damit es weniger Menschen gibt, die Hartz-IV beziehen und die entsprechenden Sätze nach oben angepasst werden können.Generell müssen diese Sätze regelmäßig überprüft und den Lebenshaltungskosten angepasst werden. Die Bundesregierung hat im Rahmen des Konjunkturprogramms für Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren den Kinderregelsatz bei Hartz IV und Sozialhilfeempfängern erhöht. Er beträgt dann zum 1. Juli 2009 nicht mehr 60 sondern 70 Prozent des Eckregelsatzes. Das ist eine monatliche Erhöhung von 35 Euro. Davon profitieren in ganz Deutschland rund 820.000 Kinder. Dagegen hat sich die Union bis zum Schluss gewehrt. Die Union zeigt damit ihr wahres Gesicht wenn es darum geht, Sozialpolitik zu betreiben. Sie wollte keinen Kinderbonus, sie wollte nicht die Erhöhung des Eckregelsatzes für Kinder und sie hat verhindert, dass Kinder von Hartz IV-Empfängern das Schulbedarfspaket bis zum Abitur erhalten. Das konnten wir ändern, nachdem es großen Druck aus der Öffentlichkeit gab. Alle Kinder, die ein Anrecht auf Grundsicherung für Arbeitssuchende, Sozialgeld oder Sozialhilfe haben, erhalten zum Schuljahresbeginn 100 Euro extra. Dieses Geld wird derzeit erstmals von den Grundsicherungsstellen ausgezahlt."

 

Soweit die Antworten der beiden Bergsträßer Bundestagsabgeorsdneten vor der Bundestagswahl am 27. September 2009. Seitdem hat sich übrigens die Zahl der Tafeln in Deutschland auf inzwischen 860 erhöht. Allein im Landkreis Bergstraße sind neben den Tafeln in Rimbach, Bensheim und Viernheim zwei weitere in Lampertheim und Bürstadt hinzugekommen.

 

Das Foto zeigt eine Mitarbeiterin und eine Kundin in der Ausgabestelle der Tafel in Rimbach. Dort wird am Freitag, den 15.Oktober die Podiumsdiskussion mit dne Bundestagsagebordneten stattfinden.




7. Oktober 2010

Wenn in den Medien über Armut, Arbeitslosigkeit oder Hartz-IV berichtet wird, kommen die Betroffenen selbst oft gar nicht zu Wort. Das Ev. Dekanat hat deshalb Menschen aus unserer Region porträtiert, die von Armut oder Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind und über ihr Leben berichten. Diese Porträts spiegeln ganz unterschiedliche Facetten von Armut wider. Heute stellen wir eine Mini-Jobberin aus Gorxheimertal vor.


„Ich koche nach den Sonderangeboten“

Arbeit geht sie nicht aus dem Weg. Und vor Arbeit kann sie sich manchmal gar nicht retten. Doch Arbeit, von der sie und ihre Familie leben können, ohne dass mit spitzem Bleibstift gerechnet werden muss, hat Ellen Kollmann* nicht.

Die 42jährige lebt mit ihrem Mann und ihrer 15jährigen Tochter in Gorxheimertal. Sie hat einen 400-Euro-Job und betreut alte und behinderte Menschen. Hinzu kommen zwei, manchmal drei Nebenjobs als Putzfrau, Haushaltshilfe oder als Gärtnerin. Zusammen kommt sie damit auf durchschnittlich 650 Euro pro Monat  - manchmal etwas mehr, manchmal weniger. „Ich bin nicht wählerisch. Ich nehme die Arbeit, die ich bekommen kann“, sagt die gelernte Zahnarzthelferin, die zuletzt als kaufmännische Angestellte tätig war. Auch ihr Mann ist berufstätig. Als einfacher Arbeiter ist sein Lohn nicht nur sehr gering. Er wird auch gepfändet. Das Wagnis Selbstständigkeit hatte ihn in die Insolvenz geführt. Geblieben sind ihm ein Haufen Schulden, die nach und nach abgetragen werden müssen.

Geld ist knapp und deshalb in der Familie ständiges Gesprächsthema „Ich koche nicht das, worauf wir Appetit haben. Ich koche streng nach den jeweiligen Sonderangeboten“, sagt Ellen Kollmann, die vor anderthalb Jahren arbeitslos wurde. Auf Arbeitslosengeld II hat sie keinen Anspruch, weil das Einkommen der Familie über dem Mindestbetrag liegt. Die ständige Sorge, ob das Geld auch reicht, drückt aufs Gemüt. „Meine Tochter behält ihre Wünsche für sich und versucht, sich zu arrangieren“, sagt Ellen Kollmann, die ihre Tochter dafür lobt, wie verantwortungsvoll sie mit der Situation umgeht. Manchmal gelingt ihr eine Überraschung. Zum 15. Geburtstag fuhr sie mit ihrer Tochter in den Holiday-Park nach Haßloch in der Pfalz. Als Geburtstagskind kam sie umsonst herein. Sie durfte sogar eine Freundin mitnehmen. Den Freizeitpark besuchten sie aber erst nach 14.00 Uhr. Da ist der Eintritt um acht Euro billiger.

An Urlaub oder überhaupt einfach mal raus und wegfahren ist nicht zu denken. „Wenn ich Urlaub mache, verdiene ich erstens kein Geld und zweitens würde ich zusätzliches Geld ausgeben. Das können wir uns wirklich nicht leisten.“ Ellen Kollmann ist eine offene, kontakt- und kommunikationsfreudige Frau, die gern lacht. Doch in dem Gespräch über ihre Situation und ihre Zukunftsperspektiven kann sie plötzlich die Tränen nicht zurückhalten. Seit anderthalb Jahren ist sie ohne festen Job. „Je länger ich arbeitslos bin, desto schwieriger wird es“, befürchtet sie. Der Druck, endlich wieder Arbeit zu finden. werde immer größer. Sie sei auch bereit, statt im kaufmännischen Bereich wieder als Zahnarzthelferin zu arbeiten und dafür ein deutlich geringeres Gehalt in Kauf zu nehmen. Voraussetzung dafür ist aber unter anderem, dass sie den Röntgenschein erneuert. Das kostet 450 Euro, fast so viel wie Ellen Kollmann in einem Monat verdient. Das zuständige Job-Center in Mörlenbach hat die Kostenübernahme abgelehnt. „Vom Staat fühle ich mich im Stich gelassen“, sagt die 42jährige.  

Vom Job-Center hatte sie bislang nur zwei Angebote bekommen. Sie selbst hat viele Initiativbewerbungen geschrieben und sich auf Stellenanzeigen beworben. Bei  den Bewerbungsgesprächen war sie oft in der engeren Wahl. Der Arbeitgeber entschied sich dann aber anders.  Das Gerede vom Konjunkturaufschwung geht Ellen Kollmann mehr und mehr auf die Nerven. „Ich kann doch nicht vom wirtschaftlichen Aufschwung reden, wenn sich 250 Leute auf eine Stelle bewerben“.

Das Job-Center hatte sie zu einem zweiwöchigen Lehrgang geschickt, bei dem festgestellt werden sollte, ob sie für den kaufmännischen Bereich überhaupt noch geeignet sei. Sie und die anderen Teilnehmer wurden in Mathematik, Deutsch, Buchhaltung, Geschichte und Allgemeinwissen getestet. Am Ende beantwortete sie von 120 Fragen 96,4 Prozent korrekt und schnitt von allen am besten ab. „Ich bin doch wer und ich kann doch was“, sagt Ellen Kollmann.

*Name auf Wunsch der Betroffenen geändert


5. Oktober 2010
Die gemeinsame Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung des Evangelischen Dekanats und der Katholischen Dekanate haben in den Medien ein breites Echo gefunden. Tageszeitungen, eine Wochenzeitung und der Rundfunk berichteten umfangreich über die ökumenische Initiative. Eine Presseschau zum Nachlesen und Nachhören.

„Kirchen gegen Armut und Ausgrenzung" titelt der Bergsträßer Anzeiger und schreibt:

"Wir erleben hautnah, wie groß die Not tatsächlich ist", erklärte Dekanin Scherf und sprach von einer "dramatischen Verschlechterung" der Lage für Geringverdiener und Hartz IV-Empfänger. Die Schere zwischen Kindern gut verdienender Eltern und Arbeitslosengeldempfängern klaffe immer weiter auseinander. Dass Menschen an der Armutsgrenze für ihr Recht auf Menschenwürde und Teilhabe an der Gesellschaft immer mehr Gegenleistungen erbringen müssten, dürfe nicht hingenommen werden, untermauerte Präses Rothermel den gemeinsamen Kirchenappell. "Wir fühlen uns verpflichtet zu handeln. Immer mehr Menschen mit Mindestlohn kommen auf keinen grünen Zweig. Das finden wir nicht in Ordnung", sprach sich Dekan Groß von der katholischen Kirche für einen deutlichen Perspektivwechsel und die Solidariditätsbekundung der Kirchen aus.

„Mehr Mut für Gerechtigkeit“ lautet die Überschrift in der Bürstädter Zeitung. In dem Artikel heißt es:

Begleitend zur Heppenheimer Erklärung haben die Dekanate Menschen aus der Region porträtiert, die von Armut bedroht oder betroffen sind. Eine 69-jährige Rentnerin aus Rimbach sagt: „Ohne die Tafel könnte ich nicht überleben.“ Dass Armut aus Scham oft versteckt werde, bestätige Renate Flath, Referentin des katholischen Dekanats Bergstraße-Mitte, die sich für den Bensheimer Arbeitslosentreff Lichtblick engagiert. „Viele Betroffene erleben es als demütigend, zur Tafel gehen zu müssen.“

Der Südhessen Morgen zitiert aus der „Heppenheimer Erklärung“ und schreibt:

Die Folgen dieser Entwicklung in die falsche Richtung seien über all sichtbar - etwa wenn Menschen an der Tafel in Viernheim Schlange stehen. "Es gibt Ungerechtigkeiten, die zum Himmel schreien, die das gesellschaftliche Klima vergiften, die nicht hinnehmbar sind. Denn die Würde des Menschen ist unantastbar", beziehen die Kirchen eindeutig Stellung. Deshalb fordern die Bergsträßer Dekanate vehement "mehr Mut und mehr Phantasie für Gerechtigkeit".

Die Odenwälder Zeitung greift die Erklärung ebenfalls auf und verweist zugleich auf eine Diskussionsveranstaltung zu der das Evangelische und die  Katholischen Dekanate gemeinsam einladen:

„Die Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung wollen die Kirchen mit den Bergsträßer Bundestagsabgeordneten diskutieren. Dazu laden sie am Freitag, 15. Oktober, um 19 Uhr zu einer Veranstaltung im Diakoniezentrum Rimbach (Schlossstraße 52a) mit den Bergsträßer Bundestagsabgeordneten Dr. Michael Meister (CDU) und Christine Lambrecht (SPD) ein.“

Die Evangelische Sonntags-Zeitung druckte die Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung“ im Wortlaut ab. Wie Armut im Alltag konkret aussieht, das machte die  die Wochenzeitung anhand des Porträts von Edeltraud Gerbig aus Bensheim deutlich, das im Blatt direkt neben der Heppenheimer Erklärung platziert ist: Darin heißt es unter anderem:

 „Ich gehe kaum noch aus der Wohnung. Was soll ich in der Fußgängerzone bummeln, wenn ich ohnehin nichts kaufen kann. Ich kann keine Hose kaufen, die teurer ist als 20 Euro. Ich gucke halt, dass ich das billigste bekomme, das aber dennoch gut aussieht.“

Auch der Hessische Rundfunk stellte die Heppenheimer Erklärung vor. Den Hörfunk-Bericht des HR-Regionalkorrespondenten Bergstraße, Jan Garvert in hr 4 können Sie hören. Klicken Sie bitte hier

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat den Wortlaut Heppenheimer Erklärung über ihren Newsletter im gesamten EKHN-Gebiet verbreitet.


3. Oktober 2010
Am Sonntag, den 3. Oktober lag die Heppenheimer Erklärung in vielen katholischen wie evangelischen Kirchen aus. Zum Teil wurde sie im Gottesdienst verlesen. Außerdem wurde die Erklärung in die Fürbitten aufgenommen. Ein Beispiel finden Sie hier

 

01.Oktober 2010
Das Evangelische Dekanat und die Katholischen Dekanate Bergstraße haben sich mit einer gemeinsamen Erklärung in die Diskussion um Armut und Gerechtigkeit eingeschaltet.  „Wir treten dafür ein, dass jeder Mensch in Würde leben und unabhängig vom Einkommen in vollem Umfang am gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben teilhaben kann“,  heißt es in der "Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung. Mehr Mut und Phanatsie für Gerechtigkeit".

Der Dekan des Katholischen Dekanats Bergstraße-Mitte, Thomas Groß, warnte davor, dass Ungerechtigkeit und soziale Schieflage  das gesellschaftliche Klima vergiften  könnten. „Als Kirche sind wir aufgerufen,  Missstände anzusprechen. Denn die Option der Kirche ist die Option für die Armen“, so Dekan Groß.

 „Die Situation für Menschen, die in Armut leben, hat sich verschlechtert. Bei den Tafeln sehen wir unmittelbar, wie groß die Not inzwischen geworden ist“, betonte die Dekanin des evangelischen Dekanats Bergstraße, Ulrike Scherf. Der Adressat der Heppenheimer Erklärung sei die Politik. Die Kirchen appellierten an die politisch Verantwortlichen, die grundlegenden Prinzipen der Menschenwürde und Gerechtigkeit nicht außer Acht zu lassen.

Der Präses des Evangelischen Dekanats Axel Rothermel, erinnerte daran, dass immer mehr Tafeln immer mehr Menschen mit Lebensmitteln versorgen.  „So etwas gab es vor zehn Jahren nicht. Die Tafeln in Bensheim, Bürstadt, Lampertheim, Rimbach und Viernheim sind ein Gradmesser, dass etwas nicht stimmt.“ Aus christlicher Sicht habe jeder Einzelne ohne Gegenleistung das Recht auf ein menschenwürdiges Leben.

Begleitend zur Heppenheimer Erklärung haben die Dekanate Menschen aus der Region porträtiert, die von Armut bedroht oder betroffen sind. Eine 69jährige Rentnerin aus Rimbach wird zum Beispiel mit den Worten zitiert: „Ohne die Tafel könnte ich nicht überleben.  Es war ein schwerer Schritt. Bei ersten Mal habe ich über eine halbe Stunde den Tafel-Laden von der anderen Straßenseite beobachtet, bevor ich mir einen Ruck gab. Wenn ich dort in einer langen Schlange auf Lebensmittel hätte warten müssen, wäre ich niemals hineingegangen“. Dass Armut aus Scham oft versteckt werde, bestätige Renate Flath, Referentin des katholischen Dekanats Bergstraße, die sich für den Bensheimer Arbeitslosentreff Lichtblick engagiert. „Viele Betroffene erleben es als demütigend zur Tafel gehen zu müssen“.

In der Heppenheimer Erklärung kritisieren die Kirchen, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander gehe. Das verletze das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen. Als Beispiel führen sie unter anderem an, dass Besserverdienende, die nach der Geburt ihres Kindes zu Hause bleiben, weiterhin den Höchstbetrag des Elterngeldes bekommen, während einer alleinerziehenden Frau, die von Hartz –IV lebt, eine entsprechende Unterstützung ersatzlos gestrichen werden soll.  „Damit bestehe die Gefahr, dass Hartz-IV-Empfänger den Eindruck gewinnen, ihr Kind sei der Gesellschaft weniger wert “, sagte Dekanin Scherf. Wenn die Politik argumentiere, dass Elterngeld für Arbeitslose systemfremd sei, dann könne man  ja im Sinne der Heppenheimer Erklärung „mehr Mut und Phantasie für Gerechtigkeit“ wagen und sich zur Unterstützung von Hartz-IV-Familien etwas einfallen lassen, was nicht systemfremd sei, erklärten die Bergsträßer Dekanate.

Die Heppenheimer Erklärung gegen Armut und Ausgrenzung wollen die Kirchen mit den Bergsträßer Bundestagsabgeordneten diskutieren. Dazu laden sie am Freitag, 15. Oktober zu einer Veranstaltung mit den Bergsträßer Bundestagsabgeordneten Dr. Michael Meister (CDU) und Christine Lambrecht (SPD) ein. Sie beginnt um 19 Uhr im Diakoniezentrum Rimbach, Schlossstr. 52a.



Die Vertreter/innen des evangelischen Dekanats und der katholischen Dekanate haben die Heppeheimer Erklärung nicht nur gemeinsam vorgestellt, sondern auch mit vereinten Kräften angeschlagen an die Tür des Hauses der Kirche in Heppenheim.


von links n. rechts: Axel Rothermel, Ulrike Scherf, Thomas Groß, Renate Flath